Der „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh”

Immer wieder haben in den vergangenen Jahren verheerende Fabrikunglücke die Textilwirtschaft von Bangladesch erschüttert. Der „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“, ein Abkommen bislang einzigartiger Natur zwischen Fabrikbesitzern, Gewerkschaften und einkaufenden Unternehmen soll nun Abhilfe schaffen.

Der Herzschlag setzte für mehrere Sekunden aus, als am 2. Februar 2016 die Schlagzeile „Erneut großer Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch“ über den Ticker ging. In der Fabrik „Matrix“, im 8. Stock eines Fabrikgebäudes gelegen, war gegen 7.30 Uhr morgens ein Feuer ausgebrochen, das erst mehrere Stunden später unter Kontrolle gebracht werden konnte. Vier Arbeiter wurden verletzt und eine Fabrikhalle brannte aus.  Dass die Bilanz des Feuers einigermaßen glimpflich ausfiel, ist sicher dem Umstand zu verdanken, dass zu der frühen Stunde viele Arbeiter noch nicht an ihren Arbeitsplätzen waren; zu einem Teil mag es aber auch als Verdienst des „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“ („Accord“) gewertet werden, unter dessen Ägide „Matrix“ als eine von insgesamt 1.660 Fabriken fällt.

Obwohl die Fabrik ursprünglich durch die sogenannte „Alliance“ inspiziert wurde – das vorwiegend durch amerikanische Unternehmen getragene Pendant zum „Accord“ – werden die auf dieser Grundlage fälligen Korrekturmaßnahmen auch durch „Accord“ - Unternehmen, die in dieser Fabrik produzieren lassen, vorangetrie-
ben. Der „Accord“ entstand im Mai 2013 unter dem Eindruck und dem Entsetzen über den furchtbaren Fabrikeinsturz von Rana Plaza, bei dem am 24. April des Jahres 1.132 Menschen ihr Leben verloren und mehr als 2.000 teilweise schwer verletzt wurden. Schon zuvor hatten verheerende Unglücke die Textilindustrie Bangladeschs heimgesucht, so haben erst im November 2012 bei einem Feuer in der Fabrik Tazreen 112 Fabrikangestellte ihr Leben verloren.

Unter dem Schock von Rana Plaza und dem erhöhten Druck der NGOs und der Gewerkschaften, erklärten sich über 200 Unternehmen, unter ihnen so prominente Namen wie H&M, Inditex, Tchibo, C&A und die Otto Group, dazu bereit, zusammen mit den Gewerkschaften ein gemeinsames Sicherheitskonzept für die Textil-
industrie in Bangladesch zu entwickeln: die Geburtsstunde des „Accords".

„Accord“ – Sicherheit für Marken, Einzelhändler und Gewerkschaften

Die Entstehung des „Accords“ war ein Paukenschlag. Ein solches gemeinsames Vorgehen hatte es bis dato noch nicht gegeben. Dabei ist die zugrundeliegende Idee relativ einfach: Die Unternehmen verpflichten sich, ihre Zulieferbetriebe von unabhängigen Spezialisten überprüfen zu lassen und – auch finanziell – dafür Sorge zu tragen, dass die Fabriken die erforderlichen Korrekturmaßnahmen umsetzen. Außerdem sollen die Fabrikangestellten geschult werden, so dass Sicherheitsmängel erkannt und Arbeiter die Fabrik im Notfall ohne Furcht vor Repressalien verlassen können. Eine besondere Rolle kommt den Gewerkschaften zu: Sie sollen die Einhalt-
ung des Abkommens überwachen.

Die Besonderheit und das Neue der Vereinbarung besteht darin, dass es sich bei dem „Accord“ um ein unabhängiges, über einen Zeitraum von fünf Jahren rechtlich bindendes Abkommen zwischen Marken und Einzelhändlern einerseits und Gewerkschaften andererseits handelt. Das Ziel ist, die Textilindustrie in Bangladesch sicher zu gestalten. Dies ermöglicht es den Gewerkschaften, legale Schritte gegen die unterzeichnenden Unternehmen einzuleiten, sollten sie zu dem Schluss kommen, dass diese ihren in den 25 Artikeln festgelegten Verpflichtungen nicht ausreichend nachkommen. In der Tat hat der „Accord“ in den knapp drei Jahren seines Bestehens dazu beigetragen, dass sich die Sicherheitslage in den Fabriken in Bangladesch entscheidend verbessert hat.

Die Otto Group, eine weltweit agierende Handels- und Dienstleistungsgruppe mit dem Geschäftskern Multichannel-Einzelhandel ist weltweit der zweitgrößte Online-
händler mit dem Endverbraucher und bezieht seit vielen Jahren Waren aus Bangladesch. Die Gruppe ist vor Ort mit einem eigenen Büro vertreten. Die Auswahl unserer Lieferanten erfolgt sehr sorgfältig und nach strengen Kriterien. Alle Fabriken werden im Rahmen des Sozialprogramms des Konzerns regelmäßig Audits und Qualifizier-
ungsmaßnahmen unterzogen. Bereits lange bevor der „Accord“ geboren wurde, hat die Otto Group ein zusätzliches Audit eingeführt, das fokussiert die Aspekte Feu-
ersicherheit, Evakuierung, Statik und Management beleuchtete. Ein speziell zu diesem Zweck engagierter Bauingenieur aus Hongkong verbrachte mit seinem Team mehrere Monate in Bangladesch, um die Standfestigkeit der durch uns als potentiell gefährlich eingestuften Fabriken zu überprüfen.

Zweifelsohne hat die Otto Group durch all diese Maßnahmen die Sicherheit in ihren Zulieferbetrieben erhöhen können; die Tatsache, dass die Otto Group bislang noch von keinem Fabrikunglück betroffen war, rechnen wir zumindest zu einem Teil der Anerkennung und sorgfältigen Ausübung unserer Verantwortung zu. Auch den "Accord" unterstützt die Otto Group durch ihr Know-how, indem sie mit Jochen Jütte-Overmeyer einen Vertreter der Unternehmen im Steering Commitee hat. Denn es ist die Kraft der Vielen, die Durchsetzungsstärke einer großen Allianz, die das Potential wirklich nachhaltiger Veränderungen in sich trägt.

Wo vorher einzelne Unternehmen mit unterschiedlichen Standards oftmals an dieselbe Fabrik herantraten, übernimmt jetzt der „Accord“ diese Aufgabe. Hochspeziali-
sierte Fachkräfte wurden eingeflogen, die mit Know-how und Spezialgeräten jede einzelne Fabrik einer dreifachen Prüfung unterzogen: Elektrik, Feuersicherheit und Statik. Der Fabrik und den in ihr produzierenden Unternehmen – im „Accord“ „Brands“ genannt – obliegt die Aufgabe, die entsprechenden Korrekturpläne und monat-
lichen Fortschrittsberichte zu erstellen, die durch den „Accord“ genehmigt werden müssen und öffentlich auf der Website zugänglich sind.

Geht man heute durch eine „Accord-Fabrik“, so ist der Unterschied zu vor zwei Jahren augenfällig: Feuertüren und Sprinkleranlagen wurden eingebaut, Wände heraus-
gerissen und Säulen verstärkt, neue Elektriksysteme installiert. Aber es gibt auch viel Kritik. Vor allem die niedrige Geschwindigkeit bei der Umsetzung der Korrektur-
pläne wird von den Gewerkschaften thematisiert und der Vorwurf erhoben, die Brands würden durch ihre Weigerung, die Umbaukosten zu übernehmen, die Sanier-
ungsmaßnahmen verschleppen und sogenanntes „Greenwashing“ betreiben. Die Unternehmen ihrerseits verweisen auf die zum Teil schleppende und inkonsistente Bearbeitung der durch den „Accord“ zusätzlich angeforderten Detailgutachten für Statik, die zu Verzögerungen von vielen Monaten führen können.

Von einzelnen Regierungsvertretern aus Bangladesch hört man Verlautbarungen, dass sich der „Accord“ mit seinen Aktivitäten am Rande der Legalität bewege und man einer Verlängerung über 2018 hinaus nicht zustimmen werde. Aber immerhin: Circa 50 Prozent der während der Erstinspektionen festgestellten Mängel sind drei Jahre nach Rana Plaza abgestellt.

Ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Trotz aller Kritik – durch den „Accord“ wurde bereits jetzt viel erreicht.

Die Sicherheitsstandards wurden in Hunderten von Fabriken maßgeblich verbessert und die Arbeiter wurden geschult. Bei vielen Fabrikbesitzern und – managern hat ein Sinneswandel stattgefunden und im Land hat bis in die höchsten Regierungsebenen hinein eine Diskussion darüber eingesetzt, wie die Textilindustrie noch sicherer gestaltet werden kann.

Nun gilt es vor allem, mit Nachdruck die noch ausstehenden Missstände zu korrigieren und vor allem die Errungenschaften nachhaltig zu gestalten. Die Bewährung liegt insbesondere in der tagtäglichen operationalen Umsetzung und im Management vor Ort. Es muss daher gelingen, das Bewusstsein und die Verantwortung für sichere Arbeitsplätze primär in die Hand derer zu legen, die es direkt betrifft – Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Regierung. Insbesondere durch Training und die kon-
sequente Einbeziehung der Arbeiter vor Ort hat der „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“ gute Chancen, seinen eigentlichen Zweck zu erfüllen:

Die nachhaltige Gewährleistung der Sicherheit und des Wohlergehens der Textilarbeiter in Bangladesch!

Dr. Johannes Merck

Dr. Johannes Merck leitet seit 1989 den Direktionsbereich Corporate Responsibility der Otto Group.

www.ottogroup.com