ASEAN Economic Community: „Freihandelszone Plus“ und Sprungbrett nach Asien-Pazifik

Südostasien hat sich neben China und Indien als Wachstumsregion in Asien fest etabliert. Auch wenn die faktische Umsetzung der ASEAN Economic Community teilweise nur schleppend vorankommt, birgt die Region enorme Absatz-, Sourcing- und Fertigungspotentiale.

Südostasien erlebt seit seiner Erholung von der asiatischen Wirtschaftskrise Ende der 1990er Jahre einen neuen Boom als Destination für ausländische Direktinvesti-
tionen (FDI) und hat sich neben China und Indien fest als dritte Wachstumsregion in Asien etabliert. Die gestiegenen Lohn-Stück-Kosten in China veranlassen inter-
nationale Firmen arbeitsintensive Produktionsprozesse gen Süden, etwa nach Kambodscha, Vietnam oder Indonesien zu verlagern.

Während einige Branchen, wie beispielsweise der Automobilsektor, in China inzwischen gut erschlossen sind, weist Südostasien in diesen Bereichen großen Nachhol-
bedarf auf. Der Reformstau, Korruption und ein undurchsichtiges Steuersystem sorgten in den letzten Jahren für Ernüchterung bei internationalen Investoren in Indien. Im Gegensatz hierzu erfuhren die Länder der Gemeinschaft Südostasiatischer Staaten (ASEAN) in den letzten Jahren großes Lob für ihre wirtschaftlichen Reforman-
strengungen, die ihnen beispielsweise ermöglichten, im Global Competitiveness Index einige Plätze gut zu machen.

Freier Verkehr von Gütern, Dienstleistungen, Investitionen, Kapital und Fachkräften

Erfolge und Stolpersteine

Die Schaffung der ASEAN Economic Community (AEC) mit ihrem Herzstück eines gemeinsamen Markts und einheitlichen Produktionsraums soll Südostasien als Investi-
tionsstandort nun noch attraktiver werden lassen. Der Abbau institutioneller und physischer Grenzen dient dem Ziel des freien Verkehrs von Gütern, Dienstleistungen, Investitionen, Kapital und Fachkräften. Was dem Namen nach womöglich an die Europäische Union erinnert, entspricht in Wirklichkeit eher einer „Freihandelszone Plus“: es werden weder ein gemeinsamer Außenzoll oder eine gemeinsame Währung angestrebt noch Entscheidungsbefugnisse auf regionale Organe übertragen.

Vielmehr soll eine Region mit gleichen Spielregeln geschaffen werden, deren Möglichkeiten ausländische und heimische Unternehmer gleichermaßen ohne tarifäre und nicht-tarifäre Hemmnisse in einem fairen Wettbewerb ausschöpfen können. Während 99 Prozent der Güter bereits zollfrei in der Region gehandelt werden und die maximale Zollbelastung der sonstigen Waren bei 5 Prozent liegt, sollen insbesondere ein regionales Zollregime und die Harmonisierung unterschiedlicher Normen und Standards wesentliche Handelserleichterungen mit sich bringen.

Die Länder wollen darüber hinaus gemäß dem Schlagwort der „ASEAN-Konnektivität“ durch den Ausbau eines leistungsfähigen Infrastrukturnetzes, ein gemeinsames Regelwerk und die Förderung von Mobilität physisch, institutionell und menschlich näher zusammenrücken. In der Praxis zeigt sich jedoch: das Glas ist erst halb voll. Knapp 70 Prozent des Regelwerks wurde bislang entwickelt und in den Mitgliedsländern umgesetzt. Größter Nachholbedarf besteht bei der Harmonisierung der natio-
nalen Standards und Normen und dem Aufbau eines regionalen Zollregimes, dem sogenannten ASEAN Single Window.

Nationale digitale Zollprozesse, die National Single Windows, sollen dabei regional vernetzt werden, um so den grenzüberschreitenden Warenverkehr zu beschleuni-
gen und Korruption zu begrenzen. Der freie Verkehr von Dienstleistungen findet bislang nur auf freiwilliger Basis statt. Die Entwicklung eines einheitlichen Rechtsrah-
mens mit einem regionalen Wettbewerbsrecht und Investitionsregime samt Streitbeilegungsmechanismus ist derzeit (noch) nicht in Arbeit.

Der Investitionsbedarf für Infrastruktur wird für die nächsten zehn Jahre mit einem Betrag von insgesamt USD 600 Milliarden taxiert und übersteigt damit die Budgets der Länder bei Weitem. Angesichts dieser Defizite resümieren Experten, dass Ende 2015 kein „Big Bang“ zu erwarten ist, sondern die Schaffung einer ASEAN Economic Community einen längerfristigen Prozess erfordert.

Wettbewerbsnachteile für deutsche Unternehmen gegenüber Konkurrenz aus Ostasien

Going ASEAN: Einholen der starken Konkurrenz aus Ostasien

Perspektivisch entsteht mit der AEC ein Wirtschaftsraum mit immensen Absatz-, Sourcing- und Produktionspotentialen. Insgesamt stellt ASEAN mit einer Bevölkerung von mehr als 600 Millionen Menschen und einem Marktvolumen von USD 2,3 Billionen die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt dar. Die OECD sagt der ASEAN-Region bis 2018 jährliche Wachstumsraten von 5,4 Prozent voraus. Die junge Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren birgt dynamisches Entwicklungs-
potential.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Region treibt das Wachstum einer kaufkräftigen Mittelschicht und die Expansion der Indus trialisierung an. Die Nachfrage nach hochwertigen Produkten steigt stetig, so dass Produkte „Made in Germany“ einen expandierenden Absatzmarkt finden. Eine differenzierte Betrachtung der nationalen Eigenheiten bleibt jedoch geboten: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Höhe von USD 55.182 des reichen Singapurs ist 29 Mal höher als das Vietnams und sogar 61 Mal höher als das durchschnittliche Einkommen des jüngst geöffneten Myanmars.

Neben dem Einkommensgefälle ist die religiöse Zugehörigkeit der einzelnen Bevölkerungsgruppen ein wichtiger Indikator für die vorherrschenden Unterschiede im Konsumverhalten, die es bei der Gestaltung von Angeboten zu berücksichtigen gilt. So erfreut sich beispielsweise die muslimische Bevölkerung an dem wachsenden Angebot halal-konformer Lebensmittel und Kosmetikprodukte. Trotz der großen Marktpotenziale für deutsche Unternehmen in ASEAN, sehen sich diese mit einem wesentlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz aus Ostasien konfrontiert.

Japanische und koreanische Wettbewerber profitieren von Freihandelsabkommen mit der Gruppe der ASEAN- Staaten, die ihnen den Zugang zu den lokalen Märkten erleichtern. Die Europäische Union hinkt dagegen bei den FTA-Verhandlungen hinterher. Das EU-ASEAN-FTA wurde 2009 auf Eis gelegt, da die unterschiedlichen Entwicklungsniveaus und damit einhergehenden Interessen der ASEAN-Länder nicht mit den ambitionierten Zielen der EU vereinbar waren. Seitdem hat die EU mit vier Mitgliedsstaaten bilaterale Freihandelsverhandlungen aufgenommen:

Das Abkommen mit Singapur muss noch ratifiziert werden, die Verhandlungen mit Vietnam stehen kurz vor dem Abschluss, die Gespräche mit Malaysia und Thailand gehen schleppend voran. Die angekündigten Verhandlungen zum Comprehensive Economic Partnership Agreement (CEPA) mit Indonesien stehen noch aus.

ASEAN-Länder weitteifern um FDI

Um der ostasiatischen Dominanz die Stirn zu bieten, sollten sich deutsche Unternehmen in einem ASEAN-Land ansiedeln oder grenzüberschreitende Produktions- und Sourcing-Netzwerke aufbauen. Bereits jetzt fließen beachtliche Direktinvestitionen von der EU nach Südostasien. Im Jahr 2013 investierten Unternehmen aus der EU USD 27 Milliarden in ASEAN und führten damit die Liste der größten Investoren an.

Der starke Zufluss von FDI von der EU nach ASEAN kommt nicht von ungefähr: Mit der Integration der heterogenen Länder entsteht ein Produktionsstandort mit starker Wettbewerbsfähigkeit. Die Länder weisen ein hohes Lohngefälle und große Unterschiede bei den Produktionsfaktoren auf, so dass sich der Aufbau von grenzüber-
schreitenden Wertschöpfungsketten lohnen kann.

Besonderes Augenmerk sollten deutsche Unternehmen auf Sektoren legen, in denen bereits eine regionale Arbeitsteilung etabliert wurde, wie z.B. im Automobil- und Elektroniksektor. Die ASEAN-Länder wetteifern um ausländische Direktinvestitionen und versuchen Investoren mit Steuer- und Zollvergünstigungen sowie Landkonzes-
sionen in Sonderwirtschaftszonen, wie Savannakhet in Laos oder Van Don in Vietnam, anzulocken. Es sollen Entwicklungspartnerschaften entstehen, die dem Land nicht nur eine größere Warenvielfalt, sondern auch Zugang zu Technologie und globalen Märkten bescheren sollen.

Durch die Einbindung in fortschrittliche internationale Produktionsnetzwerke soll die Innovationskraft der Länder befördert werden. Konkret eröffnen die heterogenen Länder diverse Investitionsmöglichkeiten. So versucht Singapur deutsche KMU aus Hightech-Sektoren wie der Präzisionstechnik zum Markteintritt zu motivieren. Malaysia ist nach Singapur am weitesten entwickelt und setzt mittels stringenter Entwicklungspläne zum nächsten Sprung an. Malaysische Firmen sind daher stark an Kooperationen mit deutschen Firmen in Spezialbranchen interessiert.

Im Fokus stehen die Bio- und Nanotechnologie, Advanced Materials, Spezialchemikalien und Umwelttechnologien. Große Pläne hat auch Thailand, das seine Vorreiter-
rolle bei der industriellen Fertigung verteidigen will. Der Schlüssel hierfür wird in einem umfassenden Ausbau der Infrastruktur, voran beim Schienenverkehr, gesehen. Hierbei möchte man gern deutsches Know-how am Werk sehen – selbiges gilt auch für ein Upgrade des Gesundheitssektors. Beim Automobilbau ist Thailand schon lange regionale Spitze, nun benötigt man Komponenten für die nächste Pkw-Generation.

Vietnam hat zuletzt stark von Ansiedlungen ostasiatischer Investoren in der Elektronik- und Elektrotechnikindustrie profitiert. Wachstumsbranchen in Vietnam sind moderne Agrartechniken und die Lebensmittelverarbeitung. Die größten Wachstumsreserven sind sicher im Inselstaat Indonesien zu finden. Priorität hat dort die Senkung der Logistikkosten. Der neue Präsident Joko Widodo will daher die „maritime Agenda“ weiter vorantreiben und die Häfen und den Passagierschiffsverkehr modernisieren. Zudem verlangt die junge Bevölkerung nach Konsumgütern, speziell im Lebensmittel- und Automobilbereich – hier gibt es einen hohen Automatisier-
ungsbedarf.

Etwas abgeflaut ist die Öffnungseuphorie in Myanmar, wobei der Nachholbedarf wie etwa im Bausektor, bei  er Stromversorgung und bei Finanzdiensten immens ist. Einen ASEAN-weiten Bedarf gibt es an dezentralen und umweltschonenden Alternativen bei der Energiegewinnung, auch die Steigerung der Energieeffizienz wird immer wichtiger.

Sprungbrett nach Asien-Pazifik

Der regionale Ausbau von Transportwegen, insbesondere Straßen, Schienennetz, Flug- und Seehäfen und der Energieversorgung soll die Vernetzung der Region weiter befördern. Infrastrukturprojekte können als Transformationsmotoren dienen, gilt die defizitäre Infrastruktur doch vielerorts als Wachstumshemmnis Nummer eins. Die Länder wissen: die ASEAN Economic Community steht und fällt mit der regionalen Konnektivität.

Obwohl die intraregionale Vernetzung vorangetrieben werden soll, strebt ASEAN kein Inseldasein an. Vielmehr zielt ASEAN darauf ab, sich als Sprungbrett in die gesamte Region zu etablieren. So sollen beispielsweise eine Bahnverbindung von Singapur über Malaysia, Thailand und Laos bis zum südchinesischen Kunming gebaut, ein Straßennetz über ASEAN bis nach China gespannt und die Kapazitäten von Seehäfen für die weltweite Verschiffung von Gütern erhöht werden.

Um den Handel im asiatisch-pazifischen Raum zu befördern, hat ASEAN seit 2005 Freihandelsabkommen mit China, Japan, Südkorea, Australien/ Neuseeland und Indien geschlossen. Dieser Wildwuchs soll nun bis Ende 2015 in eine regionale Wirtschaftspartnerschaft (Regional Comprehensive Economic Partnership, RCEP) überführt werden, die mehr als 3 Milliarden Menschen und 27 Prozent des Welthandels (gemäß WTO-Daten für 2012) vereint.

Mit RCEP entsteht die größte Freihandelszone der Welt

Alles in allem: Mit dem Aufbau eines Produktionsstandortes in ASEAN können deutsche Unternehmen Möglichkeiten der ASEAN Region nutzen und gleichzeitig die Erreichbarkeit von Märkten in Asien-Pazifik multiplizieren. Das volle Potential der Wachstumsregion werden sie jedoch erst in der mittleren Frist ausschöpfen können, wenn die ASEAN-Länder tatsächlich die bestehenden Handelsschranken aus dem Weg geräumt haben.

Dr. Imke Pente

Dr. Imke Pente ist Fellow des Mercator Kollegs für Internationale Aufgaben und absolviert derzeit einen Praxisaufenthalt beim OAV. In diesem Rahmen arbeitet sie zu politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Südostasien und ihren Implikationen für ausländische Investitionen in der Region.