Praktische Ausbildung – die Grundlage für eine effiziente Agrar- und Ernährungswirtschaft

In China und Indien zusammen leben fast 40 % der Weltbevölkerung. Prognosen sagen voraus, dass Indien im Jahr 2020 das bevölkerungsreichste Land der Welt sein wird. Der stetige Bevölkerungzuwachs geht einher mit Einkommenssteigerungen, sich verändernden Ernährungsgewohnheiten und dem Wunsch nach einem ge-
hobenen Lebensstandard.

Mit Sicherheit lässt sich daher sagen, dass China und Indien der deutschen Agrarwirtschaft große Chancen bieten, die aber auch mit großen Herausforderungen verbunden sind. Die schiere Größe der Märkte der beiden größten asiatischen Länder wird als wichtigster Indikator für die vielfältigen Möglichkeiten für die deutsche Agrarund Ernährungswirtschaft bewertet.

China ist heute in den globalen Agrargeschäften omnipräsent. Prognosen sehen China bereits 2015 als weltweit wichtigsten Lebensmittelmarkt vor den USA. Der Verbrauch von Veredelungsprodukten aufgrund des gestiegenen verfügbaren Einkommens hat deutlich zugenommen: Die chinesische Bevölkerung verzehrt mittler-
weile 10 % des weltweit produzierten Rindfleischs, 17 % des Hähnchenfleischs und sogar die Hälfte des Schweinefleischs. Die steigende Kaufkraft der chinesischen Kunden wirkt sich vorteilhaft für das Chinageschäft deutscher Unternehmen aus.

Ein jährlicher Zuwachs des agrarwirtschaftlichen Außenhandels Chinas von durchschnittlich 17 % seit 2001 unterstreicht den positiven Trend. Gleichzeitig verbergen diese Zahlen und Prognosen die nach wie vor bestehenden Herausforderungen und Risiken. Denn allein die Größe Chinas dokumentiert nicht nur einen attraktiven Absatzmarkt in Zeiten stagnierender Verkaufszahlen in Europa, sondern das riesige Marktpotential erfordert auch eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten.

So ist beispielsweise die Gesamteinfuhr von Verarbeitungsmaschinen aus Deutschland nach China im Agrar- und Lebensmittelbereich im Jahr 2012 um 15 % gestiegen. Der anhaltende Fachkräftemangel in China stellt jedoch nicht nur eine Produktion vor Ort vor Probleme, sondern ist auch für exportierende Unternehmen eine große Herausforderung. Genauso wie für viele Schwellenländer ist der Agrarsektor auch für Indien und China der wichtigste – wenn auch oft unterschätzte – Wirtschaftsfaktor.

In Indien wuchs die Agrarwirtschaft im Wirtschaftsjahr 2013/2014 um fast 5 %. Dies hatte auch positive Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, da die höheren Einnahmen der Bauern aufgrund der guten Ernte den Konsum befördert und sich somit positiv auf andere Wirtschaftszweige ausgewirkt haben. Allerdings wird dieses Wachstum vor allem auf günstige Wetterbedingungen zurückgeführt, was die immer noch starke Abhängigkeit der Landwirtschaft von Klimaeinflüssen verdeutlicht. Vielerorts ist die Produktivität des Agrarsektors gering und auf dem Land ist Armut weit verbreitet.

Dieser Umstand verstärkt den strukturellen Wandel in der Landwirtschaft, der inzwischen auch in den Märkten Asiens zu erkennen ist: Gerade die junge Generation bevorzugt eine Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft oder sucht ihr Glück in den Städten. Der allgemeine Trend zur Urbanisierung verstärkt diese Entwicklung, was dazu führt, dass in vielen ländlichen Regionen immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und dadurch die Arbeitskosten sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Lebensmittel verarbeitenden Industrie steigen.

Die verbleibenden Arbeitskräfte profitieren aber nur marginal davon, denn sie sind meistens nur unzureichend oder gar nicht ausgebildet. Besonders in Indien stellt die demografische Struktur eine enorme Herausforderung dar: Etwa die Hälfte der Einwohner des Landes ist jünger als 25 Jahre, jährlich verlassen 12 bis 13 Mio. junge Menschen die Schule und benötigen eine Ausbildung. Dennoch verfügen nur circa 5 % aller Erwerbsfähigen über eine berufliche Qualifikation.

Und nur schätzungsweise einem Drittel der Schulabgänger eines Jahrgangs kann eine Ausbildung angeboten werden. Dabei ist die Mehrzahl dieser Ausbildungsmög-
lichkeiten auf einen höheren technischen oder einen akademischen Abschluss ausgerichtet. Besonders in der Agrar- und Ernährungswirtschaft ist eine strukturierte, bedarfs- und praxisorientierte Berufsausbildung bisher nicht vorhanden.

Praktische Ausbildung erfolgt bislang vor allem auf Einzelinitiativen von Unternehmen in Zusammenarbeit mit privaten oder staatlichen Ausbildungseinrichtungen. Daher ist es umso wichtiger, dass die Unternehmen im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit der Aus- und Weiterbildung einen hohen Stellenwert einräumen. Die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Rahmen seines Kooperationsprogramms unterstützten Demonstrationsbetriebe und Schulungszentren sind ein gutes Beispiel dafür, wie Unternehmen und staatliche Akteure zusammenarbeiten können.

Neben der Möglichkeit, Landmaschinen im Praxiseinsatz vorzuführen, ist die Aus- und Weiterbildung für die an den Projekten beteiligten Unternehmen der wichtigste Aspekt. Das gilt für Fahrer gleichermaßen wie für Anbauberater und Betriebsleiter. Deshalb bildet in allen Projekten die praktische Ausbildung einen deutlichen Schwerpunkt und wird auch im geplanten Deutsch-Chinesischen Agrarzentrum (DCZ), das in diesem Jahr in Peking eröffnet wird, eine wichtige Komponente für die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft sein.

Gerade vor dem Hintergrund mangelnder Arbeitskräfte in ländlichen Gebieten bietet die Förderung der Mechanisierung durch den Einsatz moderner, standortan-
gepasster Technik die Möglichkeit, den steigenden Bedarf nach Nahrungsmitteln zu sichern. Dies ist besonders angesichts einer stagnierenden Produktivität der Agrarwirtschaft relevant, die diesen Bedarf momentan nicht decken kann.

Eine gute Ausbildung ermöglicht es Landwirten und Fachkräften in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, moderne Technologien und effiziente Anbaumethoden zu nutzen, um die eigenen Erträge und somit das Einkommen zu steigern. Dies kann dazu beitragen, die Armut in ländlichen Regionen zu reduzieren. Durch den Aufbau von effizienten agrarischen Wertschöpfungsketten können zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Eine profitable und effiziente Agrarund Ernährungswirtschaft kann aber vor allem der jungen Generation vielfältige Perspektiven und eine gute Alternative zur Abwan-
derung in die Städte bieten. Die Agrar- und Ernährungswirtschaft in Asien birgt weiterhin enormes Potential. Insbesondere China und Indien sind attraktive Standorte für Handel und Produktion. Die vielfältigen Herausforderungen können am besten branchenübergreifend, also gemeinsam gelöst werden.

Mit ihrem Koordinierungsbüro beim OAV hat die Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft/German Agribusiness Alliance eine zentrale Stelle für die Zusammenarbeit der in der Agrar- und Ernährungswirtschaft tätigen Verbände und Unternehmen in Deutschland und in den Partnerländern geschaffen. Mit der Bereitstellung von Informationen, der Schaffung eines Netzwerks zu Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und mit der Vertretung der wirtschaftspolitischen Interessen der Ver-
bände und Unternehmen verfolgt die Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft das Ziel, die Entwicklung der Landwirtschaft und der Verarbeitungsindustrie durch die Bereitstel-
lung von Know-how und von modernen Betriebsund Investitionsmitteln, durch die Förderung der Handelsbeziehungen sowie durch Direktinvestitionen aktiv zu unterstützen.

Vor diesem Hintergrund können deutsche Unternehmen durch praxisbezogene Aus- und Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Modernisierung der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten. Ein partnerschaftlicher Ansatz, eine gute Vernetzung sowie der dauernde Informations-
austausch mit allen Akteuren sind dabei die beste Erfolgsgarantie.


Ihr Dr. Franz-Georg von Busse

Dr. Franz-Georg von Busse

Dr. Franz-Georg von Busse ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft/German Agribusiness Alliance im OAV, Präsidiumsmitglied des OAV und Generalbevollmächtigter der Gebr. Pöttinger GmbH.