Stabilster Anker der Weltwirtschaft?

Entscheidend bleibt China / Gastbeitrag von Herrn Hans-Georg Frey, Vorsitzender des OAV

03-01-2017

Hamburg. In Zeiten eines eher schwächeren globalen Wachstums, politischer Unsicherheiten und steigender Globalisierungsskepsis bleibt Asien weiterhin der Hoffnungsträger der Weltwirtschaft. Auch wenn die Periode des Rekordwachstums vorüber scheint, sind die wirtschaftlichen Perspektiven weiterhin aussichtsreich und nahezu einmalig im weltweiten Konzert. Eine mögliche Stagnation, wie von manchem schon befürchtet, ist erfreulicherweise nicht in Sicht. Diese Sichtweise wird auch von den Mitgliedsunternehmen des OAV auf Basis ihrer Erfahrungen vor Ort gestützt.

Der Schwerpunkt der Dynamik wird in diesem Jahr weiterhin bei den asiatischen Schwellenländern liegen, die speziell von steigendem Privatkonsum und Investitionen profitieren. Positiv stellt sich die Lage vor allem in Indien dar. Aber auch Bangladesch, Vietnam und die Philippinen locken mit Wachstumsprognosen zwischen 6 und 7%. Entscheidend für den Gesamttrend in Asien-Pazifik - und damit der gesamten Weltwirtschaft - ist und bleibt aber China.

Hier zeigen sich Licht und Schatten: Einerseits ist die Volksrepublik bei dem Versuch, die Exportabhängigkeit zu reduzieren und den Binnenkonsum zu stärken vorangekommen. Hoffnungsvoll stimmt insbesondere, dass China großflächig in Forschung und Entwicklung investiert und sich als Vorreiter im Zukunftsbereich der Digitalisierung positioniert. Andererseits gestaltet sich etwa die Reform der Staatsbetriebe sehr zäh und die massiven Kreditausweitungen zur Konjunkturstützung mit den damit verbundenen Verschuldungen erweisen sich zunehmend als Problem.

Selbst beim geringfügigen Rückgang des relativen Wachstums und der sich nun einstellenden „Normalisierung“ der Wirtschaft darf man nicht vergessen, dass die absoluten Zahlen Beleg für ein weiteres starkes Wachstum sind. Da dies Folgen für die Weltwirtschaft insgesamt hat, ist es umso wichtiger, Konflikte im gemeinsamen Dialog zu lösen und zusammen nach neuen Kooperationsfeldern zu suchen. Angesichts der schieren Größe von Chinas Volkswirtschaft und der unterschiedlichen Situationen in den einzelnen Branchen existieren gerade für deutsche Firmen gleichwohl noch viele Betätigungschancen.

Indien sorgt für Optimismus

Für Optimismus sorgt, dass Indien - das andere asiatische Schwergewicht - begonnen hat, seine immensen Potenziale nachhaltig zu heben. Die Modi-Regierung hat lang aufgeschobene Reformen zum Abbau der überbordenden Bürokratie und zur Verbesserung des bisher eher hinderlichen Umfeldes für Auslandsinvestoren in Angriff genommen. Man rechnet mit einem Wachstum von gar 7,5%. Ein Meilenstein ist die für dieses Jahr anvisierte Einführung einer landesweiten Mehrwertsteuer die den zersplitterten indischen Markt vereinheitlichen wird. Hinzu kommen Großinvestitionen in die Infrastruktur (Straßen, Eisenbahn, Häfen) und die Versorgungsnetze. Eine zentrale Notwendigkeit bleibt die nachhaltige Steigerung der Produktivität, was chancenreiche Gelegenheiten für deutsche Hersteller und ihre Technologien schafft.

Nur wenige Impulse werden Japan und Südkorea zum asiatischen Gesamtwachstum beisteuern können. In Japan ist es Ministerpräsident Abe und seiner Wirtschaftspolitik „Abenomics“ bisher nur zum Teil gelungen, die Stagnation zu durchbrechen. Dies liegt vor allem daran, dass neben der überaus lockeren Geldpolitik und hohen Staatsausgaben der dritte Pfeiler der Abenomics - Strukturreformen unter anderem auf dem Arbeitsmarkt - nicht hinreichend angegangen und umgesetzt wurde. Allerdings sollten die Langzeitprobleme nicht den Blick darauf verstellen, dass Japan - als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt - nach wie vor ein geschätzter Hochtechnologiepartner für deutsche Firmen ist und die Synergien bei weitem
noch nicht ausgeschöpft sind.

Südkorea steht derweil vor der Herausforderung, sein Wirtschaftsmodell an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Dies gilt einmal für das Ziel einer Verringerung der übergroßen Abhängigkeit vom Welthandel, wofür der Stellenwert der Exportfertigung reduziert und mehr in innovative (Dienstleistungs-)Sparten investiert werden muss. Zum anderen gilt es, kleine und mittlere Unternehmen gegenüber den dominanten Konglomeraten zu stärken. In beiden Bereichen hat Deutschland durchaus attraktive Konzepte anzubieten. Dabei sind die politischen Entwicklungen - die stark mit der Wirtschaft verflochten scheinen - eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

Asean-Staaten wachsen weiter

Die Asean-Staaten insgesamt werden sich auch im neuen Jahr auf ihrem langjährigen Wachstumsniveau von 5% bewegen - mit großen lokalen Unterschieden natürlich. Günstige Arbeitskosten und das Anwachsen kaufkräftiger Mittelklassen dürften weiter für den Zufluss von ausländischen Investitionen sorgen. Eine gewisse Unsicherheit besteht hinsichtlich eines möglichen Kapitalabflusses für den Fall deutlicher US-Zinserhöhungen.

In Indonesien als größtem Asean-Land wird es wohl noch etwas dauern, bis sich die Erleichterungen für Auslandsinvestitionen in einer noch höheren Dynamik auswirken werden. In Vietnam macht sich der fortgesetzte wirtschaftliche Liberalisierungskurs dagegen schon in Form eines Wachstums von deutlich über 6% bezahlt. Nicht zuletzt werden die moderaten, aber kontinuierlichen Fortschritte bei der regionalen Integration dazu beitragen, dass der Asean- Verbund noch stärker in den Fokus von Investoren rücken wird, weshalb sich auch deutsche Unternehmen frühzeitig auf den einzelnen Märkten engagieren sollten.

Eine vorerst offene Frage bleibt die Zukunft des Freihandels in Asien- Pazifik. Mit der Absage des künftigen US-Präsidenten Donald Trump an das Transpazifische Partnerschaftsabkommen TPP, das als Mustervertrag für das 21. Jahrhundert konzipiert war, hat der Freihandel einen (vorläufigen) Rückschlag erlitten. Da das Gros der Regierungen in der Region sich aber von einer Handelsliberalisierung weiterhin handfeste Vorteile verspricht, werden die Verhandlungen im neuen Jahr mit Sicherheit weitergehen - sei es in Form von Alternativabkommen wie RCEP oder FTAAP oder durch kleinere, bilaterale Verträge. Für die Bundesrepublik und Europa heißt dies wiederum, dass die eigene Handelspolitik dringend auf eine neue Grundlage gestellt werden muss, will man nicht riskieren, den Anschluss an die zentralen globalen Wachstumstrends zu verlieren.

<small>Ein Artikel der Nachrichten für Außenhandel.</small>