Unter Modi vollzog Indien einen deutlichen Kurswechsel

Vereinheitlichung der Steuersysteme, ein klares Bekenntnis gegen Korruption, eine stetige Verbesserung in nahezu allen für den Handel wichtigen Bereichen – die Resonanz der deutschen Unternehmen auf die Reformen des indischen Premierministers ist grundsätzlich positiv.


Gute Perspektiven für Wachstum

In Indien hat sich für Unternehmen seit 2014 einiges zum Positiven verändert. Generell steht das Land Investoren offen. Regierungsinitiativen wie „Make in India“ oder „Skill India“ adressieren die Felder, die für die Menschen, aber auch die Unternehmen in Indien sehr wichtig sind: Infrastruktur, Bildung, Arbeitsplätze, Umweltschutz. Spannend für uns sind Großprojekte, die aus den Regierungsinitiativen hervorgehen; etwa die Etablierung von Medizintechnikherstellern in der Andhra Pradesh MedTech Zone (AMTZ), wo wir Prüflabore aufbauen. Ein Schwerpunkt der Infrastrukturinvestitionen sind die erneuerbaren Energien. Das erreicht auch uns: So haben wir bereits rund 2000 Facharbeiter zu Photovoltaik-Experten qualifiziert. Wir spüren auch Verbesserungen der Energieinfrastruktur, zum Beispiel an unserem größten Standort Bangalore. Dort haben wir im vergangenen Jahr viel investiert und hochmoderne Labore unter einem Dach gebündelt, um die lokalen Unternehmen mit Prüfdienstleistungen für die internationalen Märkte zu unterstützen. Insgesamt befinden wir uns auf einem kontinuierlichen Wachstumskurs: Schon mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in Indien an rund 100 Niederlassungen und Standorten für unser Unternehmen. Künftig wollen wir den Fokus noch mehr auf die Digitalisierung legen. Da geht es etwa um Dienstleistungen in den Bereichen IT-Security und Software-Evaluierung. Außerdem wollen wir weiterhin durch hohe Qualität bei Produktprüfungen punkten und verstärkt Infrastrukturprojekte begleiten, zum Beispiel in den Segmenten Transport, Öl und Gas.

Ralf Scheller ist seit dem 1. April 2014 Mitglied des Vorstands der TÜV Rheinland AG und Mitglied des OAVVorstands. Vor seiner Berufung zum Vorstandsmitglied war er 18 Jahre lang auf verschiedenen Führungspositionen für TÜV Rheinland in Asien tätig.


Make in India

Für deutsche Unternehmen hat sich Indien als hervorragender Wachstumsmarkt etabliert. Die positive Einstellung der deutschen Unternehmen schlägt sich im zunehmenden bilateralen Handel mit Deutschland sowie vermehrten Investitionen nieder. Davon profitieren nicht nur die indischen Partner, sondern auch die lokale Bevölkerung: Zurzeit beschäftigen alleine die 30 größten deutschen Unternehmen in Indien direkt und indirekt 522 000 Menschen. Die Mehrzahl der Firmen ist hoch profitabel, das hervorragende Image von „Made in Germany“ ungebrochen. Die Resonanz der deutschen Unternehmen auf die Reformen der Regierung Modi ist grundsätzlich positiv. Die Generalüberholung des Steuersystems wurde, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, als eine Verbesserung wahrgenommen, die weitere Effizienzsteigerungen zulässt. Die Automobilbranche, in der die meisten deutschen Unternehmen als Hersteller oder Zulieferer angesiedelt sind, wächst seit Jahren im zweistelligen Bereich. In Anbetracht der Wahlen im nächsten Jahr wird die Regierung Modi die Investitionen insbesondere im Bereich der Infrastruktur noch weiter vorantreiben. Die von der Regierung vermittelte Aufbruchstimmung wird der Wirtschaft weitere Anstöße geben, mit Sicherheit werden sich noch mehr deutsche Unternehmen für „Make in India“ entscheiden und hier zum guten Geschäftsklima sowie dem Ausbau der bilateralen Handelsbeziehungen beitragen.

Bernhard Steinrücke ist seit 2003 Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer und derzeit AHK-Weltsprecher. Zuvor war er Leiter der Deutschen Bank in Sri Lanka und Indien sowie Geschäftsführender Gesellschafter der ABC Privatkunden-Bank in Berlin.


Strukturelle Verbesserungen sind spürbar

Eine junge, wachsende Bevölkerung und ein erwarteter Anstieg des BIP im Jahr 2018 von über 7 % (gegenüber 2017) machen Indien für internationale Unternehmen zu einer sehr interessanten Volkswirtschaft – so auch für HELM. Als internationales Chemiemarketingunternehmen ist HELM seit 1974 mit einer Niederlassung in Mumbai vertreten. Aktuell arbeiten 13 festangestellte Mitarbeiter vor Ort. In Indien lag der Schwerpunkt unserer Aktivitäten bislang auf dem Einkauf von Chemikalien von ausgewählten Geschäftspartnern. Seit der Wahl von Narendra Modi im Jahr 2014 beobachten wir eine stetige Verbesserung in nahezu allen für den Handel wichtigen Bereichen. Strukturelle Verbesserungen, wie die Vereinheitlichung der landesweiten Steuersysteme und ein klares Bekenntnis, gegen Korruption vorgehen zu wollen, scheinen den richtigen Weg zu weisen. Sobald die Rahmenbedingungen in Indien stimmen, ist für uns der nächste konsequente Schritt, in ein lokales Distributionsgeschäft zu investieren. So können wir das Potenzial unserer Niederlassung voll ausschöpfen und neben dem globalen Handel mit Produkten aus Indien auch im Land selbst aktiv sein.

Nach Stationen in Leitungsfunktionen sowie als Geschäftsführer des Tochterunternehmens HELM de México, SA, Mexiko-Stadt, leitete Hans-Christian Sievers die internationalen Niederlassungen des HELM-Konzerns. 2012 übernahm er den Vorsitz des Vorstandes der HELM AG. Er ist Mitglied des OAV-Präsidiums.


Indien – Land der Möglichkeiten, Land der Herausforderungen

Jim O’Neills Kreation wurde schnell zum geflügelten Wort. Ende 2001 hatte der britische Volkswirt Brasilien, Russland, Indien und China erstmals kurz und knapp zu BRIC zusammengefasst. Fortan stand das Kürzel für vier ambitionierte Volkswirtschaften, jede von ihnen bereits seit längerem mit kräftigem Wirtschaftswachstum gesegnet. Und aus dem Begriff der Finanzwelt entwickelte sich später ein echtes Bündnis. Gemeinsam sollten politscher Einfluss und wirtschaftliche Stärke gesteigert werden. Entsprechend hoch waren die Erwartungen der Welt an die wirtschaftliche Entwicklung der vier Gründerstaaten. Doch haben alle Mitglieder der 2011 um Südafrika erweiterten und nun unter BRICS firmierenden Runde die Erwartungen erfüllt? Bei genauer Betrachtung zeigt sich: Wirtschaftlichen Fortschritt gibt es derzeit nur in China und Indien. Russland wird von Sanktionen gebremst, Brasilien von seinen innenpolitischen Konflikten und auch Südafrikas wirtschaftliche Entwicklung lahmt. Neben China kommt deshalb vor allem Indien heute besondere Bedeutung zu – als einer der weltweit wichtigsten Wachstumsmärkte. Gerade auch für die chemische Industrie.

Bei ihrem Amtsantritt im Jahr 2014 hatte sich die indische Regierung das Ziel gesetzt, die Industrieproduktion im Land zu erhöhen und damit den industriellen Fortschritt voranzutreiben. Erste Erfolge beim Abbau der Bürokratie sind bereits sichtbar. Unter anderem wurden die Verfahren für die Zulassung von Chemikalien vereinfacht. Doch nach wie vor ist Indien eines der reguliertesten Länder. Weitere Weichen müssen gestellt werden, denn gute politische und rechtliche Rahmenbedingungen werden für das künftige Wachstum der chemischen Industrie in Indien entscheidend sein. Die „National Chemical Policy“, die die indische Regierung Ende 2015 angekündigt hat, ist ein weiteres wichtiges Signal und sollte nun zügig umgesetzt werden. Ein wichtiger Hebel für schnelleres Wachstum wären auch die geplanten Industriezentren, Chemieparks und Raffinerien, die im ganzen Land eingerichtet werden sollen. Dies sollte Hand in Hand gehen mit der Verbesserung der Infrastruktur von Straßen, Schienen und Häfen, um mit dem schnellen Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft Schritt zu halten.

Wir als ausländisches Unternehmen leisten hier derzeit viel Eigenarbeit, beispielsweise bei der Wasserversorgung. An unserem Standort in Nagda haben wir einen eigenen Wasserkreislauf aufgesetzt, der uns unabhängig macht und Versorgungssicherheit gewährleistet. Unser Know-how setzen wir aber auch für die Menschen am Standort ein und engagieren uns, um Bildung und Infrastruktur zu verbessern. Vor allem Investitionen in Bildung sind dringend nötig. Ein hohes Bildungsniveau in breiten Teilen der riesigen Bevölkerung ist der Schlüssel bei vielen Fragen, die Indien heute bewegen. Kurzum: Die Möglichkeiten Indiens scheinen ebenso groß wie die Herausforderungen, vor denen das Land immer noch steht. Die nächste indische Regierung hat viel zu tun, aber der eingeschlagene Weg stimmt zuversichtlich.

Matthias Zachert ist seit 1. April 2014 Vorstandsvorsitzender der LANXESS AG und Mitglied des OAV-Präsidiums.