Asiens neuer Blickpunkt

Die Asean-Region boomt, doch der Aufbau einer Wirtschaftsgemeinschaft verläuft schleppend.

18.07.2017

Von Birga Teske.

Allianz. Große Hoffnungen begleiteten die Bildung der Asean-Wirtschaftsgemeinschaft. Doch die Integration kommt nur langsam voran. Ausländische Firmen halten der Asean dennoch die Treue. Die Asean-Region hat viel zu bieten: eine große, konsumfreudige Bevölkerung, ein jährliches Wirtschaftswachstum von über 5 Prozent und einen fortschreitenden Abbau der Handelsschranken. Mit 630 Millionen Menschen, einem Bruttoinlandsprodukt, das 2015 rund 2,4 Billionen US- Dollar erreichte, sowie ausländischen Direktinvestitionen von mehr als 130 Milliarden US-Dollar zählt das Bündnis aus zehn südostasiatischen Staaten zu den größten Wirtschaftsblöcken.

Um die Integration zu fördern, formten die Asean-Mitglieder die Asean Community, die Ende 2015 in Kraft trat. Einer ihrer Pfeiler ist die Asean Economic Community (AEC). Sie soll die Basis bilden für einen Binnenmarkt – ohne gemeinsame Außenzölle, doch mit freiem Handel zwischen den Mitgliedern. Schon in den Jahren zuvor hatten Indonesien, Myanmar, Vietnam, Kambodscha, Laos, Thailand, Malaysia, Brunei und Singapur ihre Binnenzölle stark reduziert. Nun sollte die Region für Investoren attraktiver werden.

Heute, gut eineinhalb Jahre später, ist eine gewisse Ernüchterung eingekehrt. Zwar bietet die Asean-Region große Wachstumspotenziale, doch manche Erwartungen wurden enttäuscht. „Von einem echten Binnenmarkt ist die AEC noch sehr weit entfernt“, sagt Daniel Müller, Asean-Experte beim Ostasiatischen Verein in Hamburg. Der Verband vertritt die Interessen von über 500 deutschen Unternehmen mit Geschäft im Raum Asien-Pazifik.

Die Asean-Länder haben sich von Anfang an nur auf eine weitreichende Liberalisierung des intraregionalen Warenhandels konzentriert. Bei Dienstleistungen, Kapital und Fachkräften gab es deutliche Einschränkungen. Und selbst beim Güterverkehr gibt es Müller zufolge noch Ausnahmen, etwa bei Agrarprodukten. Für andere Erzeugnisse gebe es hohe Hürden. „Unternehmen müssen einen regionalen Wertinhalt von 40 Prozent nachweisen, um die Zollpräferenzen innerhalb des Asean-Raums nutzen zu können“, berichtet er.

Immerhin: Die Zollsenkungen weisen in die richtige Richtung, es gibt Fortschritte bei der Grenzabfertigung, und die Asean Länder treiben Freihandelsabkommen mit Drittstaaten voran. So gibt es seit 2010 ein Abkommen mit China. Singapur und Vietnam haben Freihandelsabkommen mit der EU geschlossen, die voraussichtlich 2018 in Kraft treten werden. Auch Indonesien und die Philippinen verhandeln mit der EU. Zwar haben sich die USA aus dem geplanten transpazifischen Freihandelsabkommen TPP zurückgezogen, an dem Singapur, Vietnam, Brunei und Malaysia beteiligt sind, doch könnte nun die von China favorisierte Regional Comprehensive Economic Partnership vorangetrieben werden, die bestehende Abkommen der Asean mit sechs Ländern vereinheitlichen soll.

Auch deutsche Unternehmen vor Ort profi tieren von den Vereinbarungen. „Das Freihandelsabkommen der Asean mit China war für uns sehr bedeutsam“, sagt Detlev Rose, Vertriebsgeschäftsführer der Beumer Group mit Sitz in Beckum. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Förderbänder und Verpackungsanlagen und vertreibt seine Produkte in mehr als 70 Ländern. In Asien unterhalten die Münsterländer große Gesellschaften in Thailand, Singapur, Indien, China und Hongkong. In Indonesien gibt es eine Repräsentanz.

Vor allem im Bereich Flughafengepäckhandling, Sortieranlagen und Verpackungstechnik verzeichnet Beumer eine wachsende Nachfrage in den Asean-Ländern. „Die Flughäfen platzen aus allen Nähten“, berichtet Rose. Die Gründung der AEC hatte darauf jedoch keinen spürbaren Einfluss. Auch Stefan Lätsch, Leiter der Asien-Geschäfte beim Spezialglashersteller Schott AG in Mainz, spürt im Tagesgeschäft keine einschneidenden Veränderungen durch die AEC. In den Asean-Staaten ist die Firma mit Produktionsstätten in Singapur, Malaysia und Indonesien vertreten. 1350 Mitarbeiter arbeiten dort für Schott. „Es gibt bisher im Rahmen der AEC keine länderübergreifenden Behörden und keine einheitlichen Gesetze, die vor lokalen Gerichten durchsetzbar sind“, bedauert er. Zugleich bewertet Lätsch die bestehenden und geplanten Freihandelsabkommen in der Region positiv. So könne Schott in Malaysia hergestellte optische Gläser nach verlässlichen Regeln in andere Asean-Staaten, aber auch nach China, Japan, Korea oder Europa ausführen.

Schott und Beumer haben Werke in Singapur. „Wir haben dort sehr gute Rahmenbedingungen, um qualitativ hochwertige Produkte herzustellen“, erläutert Lätsch. Die Arbeitskräfte sind hervorragend ausgebildet, die Infrastruktur ist beispielhaft, fast überall wird Englisch gesprochen. Gleichzeitig hat Singapur ein verlässliches Rechtssystem, das auch geistiges Eigentum schützt. Ein Economic Development Board kümmert sich um die Belange der Investoren. Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte können fast ungehindert hinein und hinaus. Das macht Singapur nicht nur zur Handelsdrehscheibe, auch Forschungs- und Entwicklungszentren haben dort ihren Sitz, denn die Firmen haben dank liberaler Bestimmungen Zugriff auf Fachpersonal aus aller Welt.

So ist es kein Wunder, dass Singapur in den Standortrankings von Weltbank und OECD oft den ersten Platz belegt. Die Kehrseite sind hohe Lohnkosten und Büromieten. Auch Malaysia schneidet in den Doing-Business-Rankings der Weltbank gut ab. Die Inflation der Industrie- und Handelsnation ist gering, das jährliche Wachstum liegt bei 5 Prozent. „Das Land ist wirtschaftlich eines der stabilsten Länder in Südostasien. Wir haben dort 1975 unseren ersten Produktionsstandort in Asien gegründet und gute Erfahrungen gemacht“, sagt Stefan Lätsch von Schott. Vor allem Firmen, die hochwertige Produkte herstellen wollen, sind willkommen. Chip- und Solarzellenproduzenten sowie Autozulieferer sind stark vertreten.

Thailand ist ein weiterer wichtiger Produktionsstandort für die Automobilindustrie und Elektronikbranche. Um innovative Branchen wie Software oder Biotech ins Land zu holen, hat die seit 2012 amtierende Militärregierung spezielle Förderprogramme eingeführt. Außerdem wurde ein milliardenschweres Konjunkturpaket aufgelegt, um Forschung und Entwicklung sowie die Bildung sogenannter Supercluster voranzubringen. Thailands Infrastruktur ist weiter entwickelt als die vieler anderer Asean-Staaten. Freilich sind auch die Lohnkosten höher.

Vietnam zählt zu den neuen Lieblingen der Investoren in Asien. Die Regierung in Hanoi sucht den Dialog mit ausländischen Firmenvertretern. Mit Erfolg: Das Wachstum betrug 2016 knapp 7 Prozent. Viele Exporteure sehen Vietnam auch als vielversprechenden Absatzmarkt. Neben Textilproduzenten setzen vermehrt Maschinen-und Elektronikhersteller auf das Land und seine 92 Millionen Einwohner. Die Beumer Group ist ebenfalls interessiert. „In absehbarer Zeit könnten wir in Vietnam tätig werden“, sagt Detlev Rose.

Myanmar liegt günstig zwischen Indien und China. Erst vor wenigen Jahren hatte sich das Land für ausländische Investoren geöffnet. Trotz anfänglichen Interesses scheuen viele westliche Unternehmen noch vor dem Schritt nach Myanmar zurück. Zu unsicher ist die politische Lage. Indonesien dagegen lässt die Herzen vieler Exporteure höher schlagen. Mit 260 Millionen Menschen ist das Land die mit Abstand größte Volkswirtschaft innerhalb der Asean-Gruppe. Beim Konsum herrscht Nachholbedarf. „Unser Geschäft mit Ceran-Glaskeramikkochfeldern zum Beispiel entwickelt sich in Indonesien gut, weil immer mehr Menschen ihr persönliches Lebensumfeld mit modernen technischen Geräten ausstatten“, berichtet Stefan Lätsch.

Noch dazu profitiert Indonesien von der wirtschaftlichen Integration innerhalb der Region. Genau wie Vietnam liefert das Land Vorprodukte für Werke in Thailand und Malaysia. Kambodscha, Laos und Brunei gehören dem Asean- Staatenbund an, sind jedoch aus Sicht der meisten westlichen Firmen zu klein für ein Engagement. Bis 2020 dürften 400 Millionen Menschen in den Asean-Staaten der Mittelschicht angehören. Um deren Nachfrage zu befriedigen, werden nicht nur Produkte und Dienstleistungen, sondern auch ein Ausbau der Infrastruktur nötig sein. Und auch hier sind deutsche Lösungen gefragt.

<small>Ein Beitrag der Außenwirtschaft -  Das Magazin der Sparkasse-Finanzgruppe für internationale Märkte.</small>