US- Rückzug? Denkbar, aber unwahrscheinlich

Eine Analyse des OAV zur Wahl Donald Trumps.

07.12.2016

Erfahrung mit dem Politiker Trump, der Unklarheit hinsichtlich seines außenpolitischen Teams und bislang nur kursorischer programmatischer Grundsätze wird abgeleitet, dass es sich bei der neuen Regierung um eine Black Box handelt. Diese Sichtweise ist arg übertrieben. Einiges spricht dafür, dass Trump seinem Slogan „America First“ tatsächlich eine partielle Wende zu einer eher isolationistischen und eigennützigeren Grundposition folgen lässt, deren konservative Radikalform die Errichtung einer „Festung Amerika“ wäre. Dass die USA aber von ihrem seit Beginn des 20. Jahrhunderts erhobenen Anspruch, eine besondere Rolle in Asien-Pazifik zu spielen, abrücken, kann als nahezu ausgeschlossen gelten.

Es gab gute Gründe, warum Trumps Kampagne in Ostasien mit großer Skepsis verfolgt wurde. Für Japan und Südkorea ist die Perspektive eines sich aus der Region zurückziehenden Amerika sehr beunruhigend. Aber selbst wenn ein solcher Rückzug von Trump ernsthaft angedacht sein sollte, werden die Realitäten ihn - einmal nicht völlige Irrationalität unterstellt - schnell eines Besseren belehren. Ein nuklear bewaffnetes Japan, so wie von Trump gefordert, würde von China mit Sicherheit nicht toleriert. Eine Spirale der atomaren Aufrüstung in Ostasien ist so ziemlich das Letzte, was als im US-Interesse liegend betrachtet werden kann. Allerdings ist allein der Fakt, dass hierüber überhaupt diskutiert wird, schon beunruhigend. Das langfristige Ziel muss die Errichtung einer robusten Sicherheitsarchitektur in Ostasien sein.

Auch eine Abwendung der USA von Südostasien als geostrategischer Verbindung zwischen Indischem und Pazifischem Ozean und als Durchgangsgebiet eminent wichtiger Seehandelsrouten ist reichlich unplausibel. Denn hier findet momentan die Hauptauseinandersetzung um die Sicherung von Einflusszonen in Asien-Pazifik für die nächsten Jahrzehnte statt, weshalb alle relevanten Akteure versuchen, dort ihre Präsenz zu erhöhen. Dabei geht es um die Gewinnung von Märkten, Verbündeten und militärischen Schlüsselpositionen. Es wäre ein Versäumnis von geradezu historischem Ausmaß, würden die USA ihre zumeist guten Beziehungen zu den Asean- Ländern vernachlässigen. Eine generell spannende Frage wird sein, wie sich die Wahrnehmung von Freihandel und der entsprechenden Abkommen weiter entwickeln wird.

Die bislang eher simple Gegenüberstellung von Freihandel und Protektionismus dürfte künftig deutlich differenzierter betrachtet und das Für und Wider einzelner Abkommen von einer kritischen Öffentlichkeit im Detail gegeneinander abgewogen werden. Die Regierungen sind gefordert, einerseits die konkreten wohlstandsfördernden Effekte glaubwürdig herauszustellen und andererseits das Bedürfnis nach nationalen Entscheidungsspielräumen zu respektieren. Da Freihandelsabkommen in Asien mehrheitlich immer noch als Chance begriffen werden, werden Europa und die USA entscheiden müssen, ob sie es sich leisten können, hier den Anschluss zu verlieren.

<small>Ein Artikel der Nachrichten für Außenhandel.</small>