Südostasien strategisch erschließen — Rückblick auf den ASEAN-Expertenkreis

Am 13. April 2016 wurde der Abschlussbericht des ASEAN-Expertenkreises an hochrangige Vertreter der Bundesregierung übergeben. Damit kam ein neues, aus dem Kreis der Mitglieder angeregtes OAV-Format zum vorläufigen Abschluss. Was waren die Ziele und Inhalte?

Die Erschließung neuer Märkte ist keine einfache Angelegenheit. Unternehmen operieren in einem von vielen Faktoren beeinflussten und sich stetig wandelnden Um-
feld, in dem sie unter Wettbewerbsdruck Abnehmer für ihre Güter und Dienstleistungen finden müssen. Besonders diffizil wird es, wenn man es – wie bei der ASEAN-Region – mit einem in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht überaus heterogenen Raum zu tun hat. Denn aus dieser Vielseitigkeit folgt, dass die Konzipier-
ung tragfähiger Geschäftsstrategien schwierig und komplex ist.

In welchen Ländern und Branchen sollte man sich direkt engagieren? In welchen Märkten reicht eine Grundpräsenz, um zügig auf neue Trends reagieren zu können? Was haben die deutschen Unternehmen als Interessengemeinschaft anzubieten, um ihre Ziele zu erreichen? Auf welche flankierenden Angebote können sie dabei zurückgreifen? Wo besteht diesbezüglicher Handlungsbedarf? Auf all diese Fragen gibt es im Falle von ASEAN keine einfachen Antworten.

Diese Erfahrung haben auch Mitgliedsunternehmen gemacht, welche die Geschäftsstelle deshalb anregten, ein Roundtable-Format zur vertieften Erörterung der wirt-
schaftlichen Chancen und Herausforderungen in Südostasien zu erwägen. Dieses Anliegen wurde aufgenommen und in zweimonatigen Treffen über das Jahr 2015 hinweg als Work-in-progress realisiert. Jeweils eingeleitet durch Expertenvorträge wurden die Diskussionen gemäß der Chatham-House-Regel vertraulich geführt.

Diverse Perspektiven

Um der Vielfalt der Region gerecht zu werden, war es angemessen, neben Firmenvertretern auch Spezialisten aus anderen Verbänden, Entwicklungsorganisationen Universitäten und Stiftungen zu involvieren. Hierzu gehören idealerweise auch Vertreter der relevanten Bundesministerien, die mit ihren Politiken wichtige Beiträge zur Verbesserung des Handlungsrahmens deutscher Unternehmen leisten können. Eine optimal abgestimmte Verknüpfung zwischen öffentlichem und privatem Sektor kann somit als wichtige Erfolgsvariable für Markterschließungen gelten.

Eine Erfahrung des Kreises lautete insgesamt: Je komplexer die zu diskutierenden Fragen, desto gewinnbringender ist der Einbezug möglichst vieler Perspektiven. Dass alle Angefragten der Einladung gern nachgekommen sind, unterstreicht die Relevanz, die der Region in vielerlei Hinsicht beigemessen wird. Einer der zentralen Grün-
de hierfür ist speziell in der von jungen und aufstiegswilligen Bevölkerungen beförderten Wirtschaftsdynamik zu sehen. Mit der kumuliert drittgrößten Bevölkerung von 620 Millionen Menschen haben die ASEAN Staaten über Jahre ein konstantes Wachstum von 6 Prozent erzielt, das – die richtigen Weichenstellungen vorausgesetzt – noch lange andauern wird.

Komplexe Fragen - Ergänzende Perspektiven

Diese Entwicklung hat auch kontinuierlich wachsende Mittelschichten entstehen lassen, die verstärkt in der Lage sind, über den Grundbedarf hinaus Qualitätsprodukte zu erwerben und hochwertige Dienste etwa bei der Gesundheits- und Daseinsvorsorge in Anspruch zu nehmen. Das neue Interesse an ASEAN hat sicher auch damit zu tun, dass das Wachstum in der VR China als ökonomischem Hauptimpulsgeber in Asien tendenziell zurückgeht. Es werden also Wachstumsalternativen benötigt.

Dabei kann es nicht darum gehen, China durch ASEAN zu ersetzen – dafür ist die Volksrepublik viel zu groß und wichtig. Die Teilnehmer des Expertenkreises plädierten vielmehr für einen gesamtasiatischen Ansatz, bei dem für die einzelnen Teilregionen in Asien spezifische Strategien entworfen und miteinander verbunden werden. Praktische Ansätze einer solchen Strategie für die in der ASEANGruppe vereinten Staaten Südostasiens zu erarbeiten, war der Anspruch des Expertenkreises.

Vielfalt gezielt nutzen

Eine zentrale Folge der Vielseitigkeit der ASEAN-Staaten liegt darin, dass sie analog zu ihrem jeweiligen Entwicklungsstand unterschiedliche Stärken und Bedürfnisse aufweisen. Allgemein lassen sich diese in faktor-, effizienzund innovationsgetriebene Ökonomien untergliedern. Für Auslandsfirmen bedeutet dies, dass die Region in den drei gewerblichen Aktionsfeldern – Beschaffung, Fertigung, Vertrieb – über lukrative Potenziale verfügt.

Zudem besteht die Möglichkeit des Aufbaus regionaler Produktionsnetzwerke nach Maßgabe komparativer Vorteile. Die gezielte Nutzung der Differenzen bei der nationalen Faktorenausstattung ist auch die tiefere Logik hinter der Ende 2015 formell gestarteten ASEAN Economic Community (AEC). Angestrebt wird ein wettbe-
werbsfähiger Produktionsraum, in dem sich die Länder auf bestimmte Produkte und Fertigungsschritte spezialisieren und die vorhandenen Ressourcen durch die Erzielung von Skalenerträgen effektiver nutzen können.

Infolge von indirektem Protektionismus und teils deutlicher Mängel bei der Reform und Modernisierung der Volkswirtschaften bestehen indes noch Defizite bei der Wirtschaftsintegration. Hierin ist ein Argument zu sehen, die ASEAN-Staaten weiterhin auch als einzelne Märkte zu betrachten, die regionalen Dynamiken aber stets mitzudenken. Die Bildung von Länderschwerpunkten je nach Brancheninteresse bleibt weiter nötig, die AEC-Maßnahmen erleichtern es aber, die Zahl der Nieder-
lassungen zu straffen und weitere ASEAN-Märkte versuchsweise in den Blick zu nehmen.

Aktuell werden in ASEAN etliche Integrationsprojekte aufgelegt, die perspektivisch zu einer stärkeren wirtschaftlichen Integration führen und dabei helfen werden, die immensen Potenziale auch zu lösen.

Koordinierte Präsenz

Der Expertenkreis war sich einig: Auch deutsche Unternehmen haben die Möglichkeit, diesen Prozess mitzugestalten und ihre Interessen zu vertreten. Voraussetzung hierfür ist zunächst und vor allen Dingen eine Präzisierung der eigenen Wünsche und Interessen in Verbindung mit einer Erhöhung der Analysekapazitäten. Die verbes-
serte Bereitstellung von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Informationen über die Region und ihre Länder ist dabei ebenso erforderlich wie die konsequente Aufwertung der ASEAN-Gruppe bei deutschen Ministerien, Behörden und Verbänden.

Es bedarf mehr konstanter Präsenz vor Ort, mit der sich auch wertvolles Insiderwissen gewinnen lässt. Das Interesse an engeren Beziehungen muss glaubhaft signalisiert und mit konkreten Initiativen gefüllt werden. In einem multidisziplinären Forschungsinstitut oder einer ASEAN-Kontaktstelle könnten entsprechende Aktivitäten gebün-
delt werden. Denn nur wer die Entwicklungen vor Ort detailliert mitverfolgt, kann seine Anliegen auch adäquat einbringen. Dreh- und Angelpunkt hierfür ist die aktive Beziehungs- und Netzwerkpflege auf ASEAN-Ebene wie auch in den einzelnen Hauptstädten, wofür die Unternehmen größere Public-Affairs-Mittel bereitstellen müssen.

Beziehungs- und Netzwerkpflege für stabile Partnerschaften

Auch wenn man sich hierzulande mit informellen Abstimmungen etwas schwertut, sollten einschlägige Foren in allen Sachbereichen (Ökonomie, Wissenschaft, Zivil-
gesellschaft, Kultur usw.) systematisch genutzt und Kontakte sorgfältig gepflegt werden. Entscheidend sind hier auch regelmäßige Treffen auf höchster politischer Ebene. Auch die punktuelle Nutzung europäischer Kanäle und Initiativen verspricht einen Mehrwert. Die deutschen Akteure sind angehalten, sich intensiver abzustim-
men und zu vernetzen.

Denn auch dies war eine Erkenntnis des Expertenkreises: Es gibt eine Vielzahl guter und sinnvoller ASEAN-spezifischer Projekte, ihre Wirksamkeit leidet zuweilen aber darunter, dass andere Akteure und Institutionen kaum einbezogen, Doppelstrukturen geschaffen und Interessierte nur unzureichend informiert werden. Dies gilt nicht zuletzt für das Feld der Entwicklungszusammenarbeit, wo es im Zusammenspiel mit der Wirtschaft noch einige Berührungsängste abzubauen und viele Synergien zu heben gibt.

Da die deutschen Ressourcen limitiert sind und ASEAN eine relevante Weltregion unter anderen darstellt, ist es umso wichtiger, die vorhandenen Mittel möglichst effi-
zient einzusetzen. Diese Forderung durchzog alle Expertenkreis-Sitzungen wie ein roter Faden.

Gestiegene Ansprüche

Über die direkten betriebswirtschaftlichen Chancen hinaus wurde die Region auch aus dem Blickwinkel sich momentan vollziehender weltpolitischer und geoökono-
mischer Positions- und Einflussverschiebungen betrachtet. Speziell die zunehmende Rivalität zwischen der VR China und den USA um Einflusssphären in Asien wird auch die Aktivitäten deutscher Unternehmen nicht unberührt lassen. In diesem brisanten Umfeld sind stabile Partnerschaften essentiell, die Bereitschaft hierzu ist auf ASEAN-Seite groß.

Eine Stärkung der ASEAN-Staaten würde der Stabilität in Asien dienen, von der auch deutsche Unternehmen profitieren. In Anbetracht ihrer exponierten geografischen Lage als Verbindungsglied zwischen Indischem und Pazifischem Ozean und als Durchgangsgebiet global wichtiger Seehandelsrouten werden den ASEAN-Staaten derzeit viele Angebote seitens der zentralen Mächte in Asien-Pazifik gemacht. Damit verbindet sich im Regelfall auch ein privilegierter Marktzugang für die Unterneh-
men dieser Länder, der wiederum den Wettbewerbsdruck auf deutsche Firmen erhöht.

Wie hierauf am besten reagiert werden kann, war eine zentrale Frage des Expertenkreises. Es bestand großer Konsens, dass dies nur gemeinsam mit den ASEAN-Partnern und unter Berücksichtigung deren spezifischer Bedürfnisse gelingen kann. Denn gerade in den Schwellenländern in Asien-Pazifik ist es längst nicht mehr genug, attraktive Produkte anzubieten – erwartet wird vielmehr, dass ein signifikanter Beitrag zur weiteren nationalen Entwicklung geleistet wird.

Hinzu kommt: Nur wer sich mit Investitionen vor Ort engagiert, kann auch Forderungen aufstellen. Auf diese gestiegenen Ansprüche und die Einforderung von nach-
haltigen Win-Win-Beziehungen müssen die deutschen Unternehmen reagieren.

Langfristigkeit als Vorzug

Zum Anbieten langfristiger Entwicklungspartnerschaften stehen diese nicht nur grundsätzlich bereit, sie sehen hierin sogar einen Wettbewerbsvorteil, mit denen man sich auch von der ostasiatischen Konkurrenz maßgeblich absetzen kann. Mit Blick auf die Bedarfslagen der ASEAN-Staaten wird deutlich, dass der Aufbau praxisrele-
vanter Technologieund Forschungspartnerschaften sowohl für deren weitere wirtschaftliche Entwicklung als auch für die Bewältigung der diversen Zukunftsfragen im sozialen und Umweltbereich wie auch beim Management der Urbanisierung und beim Infrastrukturausbau eine dringliche und plausible Aufgabe darstellt.

Hier sind viele Projekte zum beiderseitigen Nutzen denkbar, die durch eine Nach- und Feinjustierung der staatlichen deutschen Förder- und Finanzierungsinstrumente begünstigt werden können. Ein stärkerer Fokus auf privatwirtschaftliche Belange würde auch der Breitenentwicklung in ASEAN nützen. Ähnliches lässt sich auch über eine verstärkte Kooperation zur Verbesserung der schulischen und beruflichen Ausbildung sagen, die auf der Agenda der ASEAN-Staaten ganz oben steht und bei der die deutsche Seite bewährte Modelle und Konzepte anzubieten hat.

Insbesondere bei der Verknüpfung von akademischer und berufspraktischer Bildung existieren in ASEAN noch viele Versäumnisse, die mit deutscher Unterstützung abgebaut werden können. Win-Win heißt aber auch, darauf zu achten, dass wirtschaftlicher Austausch nicht zur Einbahnstraße wird. Hier bedarf es hoher Sensibilität, die sich langfristig auszahlt.

Die ASEAN-Unternehmen sollten eine Chance erhalten, ihre Waren und Produkte nach Deutschland und Europa zu verkaufen. Vielfach bedürfen sie hierfür noch tech-
nischer Expertise und fachlicher Unterstützung, um die obligaten Standards zu erfüllen. Zentral ist die Einsicht, dass es sich hierbei nicht um eine Wohltat, sondern um rationales wirtschaftliches Handeln handelt, da auf diese Weise die Akzeptanz für eigene Produkte erhöht wird und auch die Abnehmer von morgen geschaffen werden.

In diesem Sinne lässt sich auch die Quintessenz des Expertenkreises resümieren: Der Zeitpunkt für vertiefte Beziehungen zur ASEAN-Gruppe ist günstig, die Interessen sind komplementär, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit groß – mit einem vorausschauenden, konsistenten und konsequent partnerschaftlichen Ansatz sollten die genannten Potenziale und Möglichkeiten umzusetzen sein.

Auch die ASEAN-Botschaften hatten zahlreiche Vertreter geschickt - was das Interesse am Ergebnispapier zeigt.
Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundes-
minister für wirtschaftliche Zusammenarbei und Entwicklung Hans-Joachim Fuchtel nimmt das Ergebnispapier in Empfang.
Brigitte Zypries zu den Teilnehmern.
Die Empfänger des Ergebnispapiers:
Dr. Norbert Riedel, Regionalbeauftragter für Asien und Pazifik im Auswärtigen Amt. I.E. Frau Melita S. Sta. Maria-Thomeczek, Botschafterin der Republik der Philippinen in Deutschland und Vertreterin des Berlin ASEAN Comittee; Brigitte Zypries, Parlamentarische Staats-
sekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie; Hans-Joachim Fuchtel und Timo Prekop, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des OAV (v.l.)
Dr. Norbert Riedel würdigt die Arbeit des Expertenkreises.
Die Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenscahft und Politik folgen der Einführung von Timo Prekop.
In einer Paneldiskussion mirt der Botschafterin und Unternehmensvertretern wurde auf einzelne Problemstellungen und Anregungen, die im Laufe des Arbeitsprozesses zur Erstellung des Papiers ausgetreten waren, eingeganen.
 

Daniel Müller

Daniel Müller ist Regionalmanger ASEAN beim OAV.