Geschäftserfahrungen in der Vielfältigkeit Südostasiens

Im Gleichschritt mit den ASEAN-Staaten trägt auch die familiengeführte Unternehmensgruppe Jebsen & Jessen (SEA) stolz ihr Motto „Together for Tomorrow" in die südostasiatischen Märkte - vor allem die Gruppe der Emerging Markets bietet interessierten Unternehmen außergewöhnliche Geschäftspotenziale.

Ein kambodschanischer Unternehmer benötigt für den Betrieb seiner Reismühle im Hinterland Phnom Penhs eine Dampfturbine. Um von den bevorzugten Einfuhr-
zöllen und Handelserleichterungen in der sich abzeichnenden Wirtschaftsgemeinschaft AEC (ASEAN Economic Community) zu profitieren, bestellt er diese in Malaysia anstatt sie von einem renommierten Anbieter aus Brasilien zu importieren.

Am Ende kommt es aber doch anders als gedacht: Just auf Aggregate der Stromerzeugung erhebt Kambodscha auch auf von innerhalb der ASEAN Gemeinschaft bezogene Produkte eine höhere Importsteuer. Weil zudem der Hafen von Sihanoukville nicht über Entladekapazitäten ausreichender Tonnage verfügt, muss die Einfuhr über den Umweg Ho Chi Minh City in Vietnam und so dann auf dem Landweg per LKW erfolgen. Aufgrund unterschiedlicher Achslastvorschriften für LKWs muss die Turbine an der Grenze zwischen Vietnam und Kambodscha dabei auch noch umgeladen werden.

Zu guter Letzt fehlt es in Südostasien noch an harmonisierten Versicherungsrichtlinien, sodass der Kunde entlang der Logistikkette drei verschiedene Transportver-
sicherungen abschließen muss.

ASEAN keine zweite EU

Was lernen wir aus dieser aus der Praxis genommenen Geschäftserfahrung? ASEAN und der angestrebte gemeinsame Wirtschaftsraum AEC sind zwar auf gutem Wege, de facto ist jedoch erst circa die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt. Der Waren-, Kapital- und Dienstleistungsverkehr innerhalb der ASEAN funktioniert inzwischen viel besser als in der Vergangenheit, jedoch noch immer wesentlich komplizierter als es das Zielmodell verspricht.

Jebsen & Jessen (SEA) importiert für und im Namen renommierter internationaler Technologiepartner Industriegüter sowie Leistungen in die ASEAN-Gemeinschaft hinein, produziert und vertreibt aber auch selbst mit einem breiten Portfolio von über 50 Gesellschaften und circa 4.500 Mitarbeitern innerhalb der Region. Die wohl zutreffende Beschreibung der wirtschaftspolitischen Situation der ASEAN-Staaten lautet noch immer „seemingly unified ... but frequently split and even disjointed".

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen ist es aus dem tradierten Verständnis für die zehn Länder der Region heraus die 'value proposition' von Jebsen & Jessen, seinen Technologiepartnern den fragmentierten Markt als quasi Einheit und über eine integrierte Plattform zu öffnen. Wie offeriert sich die Region Südostasien heute dem interessierten Investor?

Die AEC soll formell zum Jahreswechsel 2015/16 über das Taufbecken gehalten werden. Es gibt noch sehr viel Handlungsbedarf und es wird auch nur ein Start in Raten, aber die Richtung stimmt. Die Gemeinschaft der ASEAN Staaten wächst zu einem gemeinsamen Wirtschaftraum mit über 600 Millionen Menschen zusammen, deren Wunsch nach Entwicklung und Modernität den Wünschen der Menschen in allen anderen Erdteilen nicht nachsteht.

Von unterschiedlichen Ausgangslagen kommend, weist Südostasien doch immerhin ein durchschnittliches und nachhaltiges BIP-Wachstum von etwa sechs bis sieben Prozent p.a. aus. Welches Unternehmen möchte in seiner Wachstumsstrategie da nicht dabei sein? Bei genauem Hinsehen gibt es selbstverständlich wesentliche Un-
terschiede. Das industrialisierte Thailand ist als Wirtschaftsstandort attraktiver als es in westlichen Medien seit den gesellschaftlichen Unruhen und dem Militärputsch gerne dargestellt wird. Die indonesische Bevölkerung mit mehr als 250 Millionen Menschen bietet einen enormen Absatzmarkt.

Jedoch konnten die langsam voranschreitenden Entwicklungen nach der Wahl des populären und integren Präsidenten Joko Widodo nicht den Erwartungen der Investoren gerecht werden. Singapur ist viel demokratischer, verlässlicher und effizienter als sein Ruf. Die Bevölkerung findet sich geschlossen hinter den Werten, für die ihr kürzlich verstorbener Staatsgründer und Vordenker Lee Kuan Yew stets gestanden hatte. Myanmar ist in aller Munde. Entsprechende Geschäfts- und Investitions-
strategien werden in den Entscheidungsgremien der meisten multinationalen und auch mittelständischen Unternehmen diskutiert.

Wahlen in Myanmar werden Reformprozess bestätigen

Die einmalige Situation dieses sich rasant öffnenden 60 Millionen Menschen umfassenden Marktes mit enormem Wachstumspotenzial lässt die Kritik an vergangenen Regimen rasch in den Hintergrund treten. Den Fortbestand der Demokratie allein an der charismatischen Aung San Suu Kyi festzumachen wäre zu kurz gesprungen, sofern man zumindest bereit ist, den Reformprozess, den die aktuelle Regierung unter Präsident Thein Sein seit 2012 mutig vorantreibt, anzuerkennen.

Als die Jebsen & Jessen Gruppe vor Jahren in Myanmar mit dem dort außerordentlich renommierten Unternehmer Serge Pun ein Joint Venture gründete, mussten wir noch abwägen, ob wegen der allgemeinen Skepsis und der laufenden Sanktionspolitik eine Veröffentlichung auf Seite 1 der Firmenbroschüre überhaupt opportun war. Heute hat unser inzwischen mit über 100 Mitarbeitern dort etabliertes Unternehmen einen klaren 'early comer' Vorteil. Große Namen übertragen uns das Mandat, für sie mit innovativen Produkten den Markt zu erschließen, ein Markt dessen Herstellungssektor allein nach einer Studie von McKinsey bis 2030 um das siebenfache wachsen könnte.

Ich fasse zusammen: ASEAN möchte nicht zu einer zweiten EU werden. Ein integrierter Binnenmarkt ist angestrebt, aber politische Eigenständigkeit und schon gar gesellschaftliche Unterschiede werden dabei respektiert. Ich nenne zehn Gründe, warum auch das tägliche Geschäftsleben in Asien so bereichernd sein kann:
(1) Die Menschen denken regional, nicht lokal. (2) Die Menschen denken aber lokal, wenn es gilt Geschäfte kreativ umzusetzen. (3) Jede Stadt in Asien hat seine eigene etwas unterschiedliche Faszination. (4) Menschen treffen sich gerne persönlich. (5) Singapur ist dabei ein Platz der kurzen Wege und der administrativen Effizienz.
(6) Menschen in Asien können offen und direkt sein, sie werden aber immer versuchen, ihrem Gegenüber einen Gesichtsverlust zu ersparen. (7) Expat-Netzwerke sind mitunter wesentlich intensiver gelebt, als es in Europa der Fall ist. (8) In der Regel bekommen sie ihren Einsatz zurück, harte Arbeit wird belohnt. (9) Das Lebensumfeld ist geschäftsfreundlich, Unternehmertum wird belohnt. Und schließlich (10), die Region ist ein 'Melting Pot' von Geschäfts- und Marketingveranstaltungen. Man lernt jeden Tag aufs Neue interessante Menschen kennen, die mit Ihnen diese genannten zehn Punkte teilen.

Fritz Graf von der Schulenburg

Fritz Graf von der Schulenburg ist Länderausschussvorsitzender für Kambodscha im OAV, Executive Vice Chairman und Vorstandsmitglied der Jebsen & Jessen (SEA) Gruppe mit Sitz in Singapur. Das Unternehmen unterhält seit 50 Jahren Industrie-, Engineering- und Distributionsaktivitäten in allen Ländern Südostasiens. Er ist außerdem Mitglied des Vorstandes der Singapore International Chamber of Commerce SICC, und leitet dort das Emerging Markets Committee, das aufgrund der Aktualität inzwischen in ASEAN Committee umbenannt wurde.