OAV-Interview mit Professor Werner Pascha

Nach seinem beispiellosen Aufstieg steht Südkorea vor einem Scheideweg. Überholte Strukturen in Wirtschaft und Politik lähmen in zunehmendem Maße die wirtschaftliche Weiterentwicklung. Auf der anderen Seite ist Südkorea eines der dynamischsten Länder Asiens und zeichnet sich durch seinen technologischen Fortschritt und hohe Innovationskraft aus. Wie passt das alles zusammen und vor allem: wie geht es weiter?


Die koreanische Wirtschaft zeigte in den letzten Jahren einige Schwächephasen und steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Was sind für Sie die zentralen Aufgaben der neuen Regierung?

Im Moment stehen die Vorzeichen für die koreanische Wirtschaft gar nicht so schlecht. Immerhin hat die Zentralbank den Eckzins im November 2017 zum ersten Mal seit sechs Jahren erhöht, auf jetzt 1,5 Prozent, und zwar vor dem Hintergrund stabiler Wachstumsaussichten. Die Wachstumserwartungen für 2018 liegen bei um die 3 Prozent, nicht schlecht für eine fortgeschrittene Wirtschaft mit einem Pro-Kopf-Einkommen von inzwischen um die 30.000 USD. Die Regierung steht trotzdem in der Tat vor großen Herausforderungen. Die Erwartung der Bevölkerung geht dahin, die immer noch enormen sozialen Defizite anzugehen und das Wirtschaftssystem ‚fairer‘ zu gestalten. Gleichzeitig muss aber angesichts der extrem außenorientierten Volkswirtschaft Sorge getragen werden, dass das Land wettbewerbsfähig bleibt und die Unternehmen neue Kompetenzen auf- und ausbauen. Das Sozialsystem ist weit von einer ‚Hängematte‘ entfernt, da kann und sollte noch einiges verbessert werden, aber Korea hat auch noch nicht so viel Speck angesetzt, um sich zahlreiche teure Sozialexperimente leisten zu können.

Präsident Moon Jae-in kündigte eine Abkehr von Südkoreas „Chaebol-orientierter Wachstumsstrategie“ an. Welche Maßnahmen plant die neue Regierung zur Unterstützung des unterentwickelten Mittelstands? Und wie realistisch ist ein Erfolg dieser Maßnahmen?

Tatsächlich spricht die Regierung von einer mittelstandsorientierten Wirtschaftspolitik. Ein wichtiger Zweig der Politik ist die Förderung innovationsorientier-ter Klein- und Mittelunternehmen sowie von Unternehmensgründungen. Dazu gehören bessere Finanzierungsbedingungen bei staatlichen Banken, erleichterte Rahmenbedingungen für innovative Finanzdienstleister, die Gründung eines Venture-Capital-Fonds oder die Erleichterung des Zugangs zum Börsenmarkt KOSDAQ. Schwieriger ist die Unterstützung ‚einfacher‘ kleinerer Unternehmen, gerade auch auf dem Lande. Ein klares Konzept ist da noch nicht ersichtlich. Viele Beobachter sehen ohnehin ein Überangebot von Fördermaßnahmen; es sollen um die 1300 sein. Außerhalb eines engen Zirkels um Seoul und abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa dem Technologiezentrum Daejeon – ist es kaum möglich, qualifizierte Mitarbeiter bzw. junge Ingenieure an mittelständische Unternehmen oder Start-ups zu binden. Junge Familien lehnen allein deshalb häufig den Umzug in die ‚Provinz‘ ab, weil es dort keine guten Nachhilfeschulen für das extrem harte Prüfungssystem gibt.

Der wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilte Samsung-Erbe Lee kam auf Bewährung frei. Wie steht es um die Glaubwürdigkeit der Ankündigung des Präsidenten, Verflechtungen zwischen Politik und Großkonzernen aufzulösen?

Die Politik der Regierung umfasst zwei große Ansätze. Zum einen eine stärkere Finanzaufsicht über die Chaebol. Das ist ein sinnvoller Weg, und man wird sehen müssen, ob die Finanzaufsicht die entsprechenden Instrumente professionell einsetzen kann und wird. Das andere Element ist die Strafverfolgung. Man sollte nicht übersehen, dass eine ganze Reihe hochrangiger Regierungsvertreter bereits Strafen absitzt, angefangen bei einem früheren Stabschef des Präsidialamtes und einem Kultusminister. Für die abgesetzte Staatspräsidentin Park Geun-hye wird eine dreißigjährige Haftstrafe gefordert; gegen ihren Vorgänger wird ebenfalls ermittelt. Die Aussetzung der Haftstrafe für den Samsung-Erben durch das Obergericht in Seoul ist da nur ein Aspekt, den man zumindest nicht überbetonen darf. Ich bin kein Jurist und mag die Vergehen von Lee auch nicht verharmlosen. Aber eines sollte doch bedacht werden: Was kann ein wichtiger Unternehmensführer denn machen, wenn er aus höchsten Staatskreisen heraus ‚gebeten‘ wird, etwas zu ‚spenden‘. Am Individuum orientierte Vorstellungen von Schuld und Sühne werden diesen systemischen Defekten an der Schnittstelle von Staat und Wirtschaft in Korea nicht gerecht werden können. Institutionelle Ansätze, also etwa die umstrukturierte Finanzaufsicht, sind der bessere Weg.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit macht Südkorea zu schaffen. Die Regierung plant, die Anerkennung nicht-universitärer Ausbildungen voranzutreiben. Inwiefern können deutsche Ausbildungsmodelle (z. B. das duale System) als Vorbild fungieren?

Tatsächlich haben koreanische Stellen großes Interesse am dualen System. Unser Bundesinstitut für Berufsbildung hält seit vielen Jahren engen Kontakt, und deutsche Firmen helfen bei der Einrichtung von sogenannten ‚Meister‘-Schulen, die allerdings im Vergleich zu den deutschen Berufsschulen recht verschieden funktionieren. Es gibt zwei große Schwierigkeiten: Zum einen die soziale Anerkennung. Solange eine irgendwie mit händischer Arbeit verbundene Ausbildung immer noch als zweitklassig angesehen wird – von den Eltern wie von den meisten Unternehmen – kann das System nicht gedeihen. Es gibt aber auch eine wirtschaftliche Herausforderung. Auch bei uns schrumpft ja das duale Bildungssystem, und zwar weil es dem raschen Wandel etwa in der digitalen Wirtschaft nicht so leicht gerecht werden kann. Man lernt halt nicht mehr zwei oder drei Jahre und ist dann für den Rest seines Lebens gewappnet. Da müssen bessere Modelle gefunden werden, etwa die Integration von Berufsbildung und Studium, ungefähr wie in den deutschen Berufsakademien, verbunden mit späterer Weiterbildung.

Die Regierung strebt eine „kleine Energiewende“ nach deutschem Vorbild an, die Strukturen sind jedoch vollkommen anders und die Bevölkerung nur zu Teilen überzeugt. Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen für eine nachhaltigere Energiepolitik?

Die Pläne von Moon Jae-in sind sehr ambitioniert. Der Anteil erneuerbarer Energien soll sich bis 2030 vervierfachen, von 5 auf 20 Prozent, der von Kohle halbieren, von 40 auf 21 Prozent. Bis dahin ist Moon längst nicht mehr Präsident, eventuelle Versäumnisse gehen dann zulasten anderer. Auf drei Aspekte sollte man hinweisen: Eine wichtige Säule des Wandels sollen gasgetriebene Kraftwerke sein, mithin der Einsatz von LNG. Gegenwärtig sind die Preise günstig, aber auch Nachbarländer haben das Potenzial dieses Brennstoffs erkannt. Zweitens die Rolle der Atomkraft; ihr Anteil soll von 32 auf 20 Prozent zurückgehen. Aber wird das Land tatsächlich diese vermeintlich günstige und emissionsarme Stromquelle so stark reduzieren wollen, wenn der Wandel des Energiesystems aus irgendwelchen Gründen ins Stocken gerät? Allein derzeit entstehen fünf neue Reaktoren; die Unternehmen sehen sich als leistungsstarke Exporteure. Drittens schließlich die Verfügbarkeit regenerativer Energien – wo sollen eigentlich die Windparks oder Solarfelder entstehen, die etwa eine Riesenmetropole wie Seoul versorgen sollen? Bezüglich Erzeugung und Transport entsprechender Elektrizität könnten noch unangenehme politische Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung drohen, die keineswegs überwiegend ‚grün‘, sondern eher pragmatisch denkt.

Im Hinblick auf die o. g. Themen Mittelstand, Energiewende und Ausbildung – aber auch bei dem Thema Wiedervereinigung – fungiert Deutschland als Vorbild. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die deutsch-koreanischen Beziehungen?

Die bilateralen Beziehungen sind ungetrübt und von einer großen gegenseitigen Sympathie getragen. Die gemeinsame Erfahrung der Teilung des eigenen Landes weckt ein Gefühl der Verbundenheit. Wo immer man sich in Korea bewegt, wird man als Deutscher freundlich wahrgenommen. Für Korea sind viele deutsche Erfahrungen wertvoll, was Sie ja schon in Ihrer Frage angesprochen haben. Das Thema Wiedervereinigung ist dabei aus guten Gründen der Dauerbrenner. Neu ist, dass auch Korea von Deutschland inzwischen deutlich stärker als wichtiger Partner wahrgenommen wird. Markenprodukte und koreanische Populärkultur haben dabei das Ihre getan. Koreas Erfahrungen mit der Digitalisierung des Lebens sind für uns sehr lehrreich – sowohl hinsichtlich dessen, was für uns gut wäre, wie auch bezüglich dessen, was wir vielleicht lieber vermeiden wollen. In einer Zeit, in welcher der freie weltwirtschaftliche Austausch zunehmend gefährdet erscheint, haben wir beide Interesse an einer offenen globalen Ordnung. Dazu sollten und können wir auf multilateraler Ebene noch enger zusammenwirken.


Prof. Dr. Werner Pascha

Prof. Dr. Werner Pascha ist Dozent für Ostasienwirtschaft/Japan und Korea an der Universität Duisburg-Essen. Er war u. a. Gastwissenschaftler an der Academy of Korean Studies, am Korea Institute for International Economic Policy und an der Busan National University. Er ist u. a. Mitglied des Deutsch-Koreanischen Forums.