Made in Germany – Developed in China?

Deutsche Hochtechnologie-Unternehmen intensivieren seit Jahren ihre Forschungsund Entwicklungsaktivitäten in der Volksrepublik China. Dafür sind nicht mehr ausschließlich Kostenvorteile und eine engere Anbindung an den wichtigsten asiatischen Absatzmarkt verantwortlich – zunehmend lockt vor allem die Teilnahme an einem der dynamischsten Innovationssysteme der Welt.


Wenn 2020 das erste rein elektrisch angetriebene Modell der Marke BMW, der BMW iX3, vom Band läuft, werden sich Kunden rund um die Welt über ein weiteres gelungenes Stück deutscher Ingenieurskunst freuen – vielleicht ohne dabei zu ahnen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Technologie, die in diesem Wagen steckt, nicht in Deutschland, sondern in China entwickelt wurde. Auch Volkswagen gab jüngst bekannt, dass man verstärkt Autotechnik für den weltweiten Markt in und mit China entwickeln wolle, wo insbesondere Fähigkeiten im autonomen Fahren und der E-Mobilität schon weit entwickelt seien. In Europa fehle es hingegen „teilweise an Fähigkeiten“, sagte VW-Chef Herbert Diess im Rahmen einer Pressekonferenz Anfang dieses Jahres in Peking. Man folgt damit unter anderem der strategischen Entscheidung der Siemens AG, die bereits 2017 bekanntgab, die globale Führung des zukunftsweisenden Robotik-Forschungsbereichs der Landesgesellschaft in China anzuvertrauen. Es drängt sich angesichts dieser Nachrichten die Frage auf: Liegt die Zukunft der Hochtechnologie- Entwicklung deutscher Unternehmen in China?

Forschung auf höchstem Niveau
Um diese Frage zu beantworten, ist ein kurzer Rückblick auf Forschung und Entwicklung deutscher Unternehmen in China hilfreich. Kurz vor allem auch deshalb, weil eine umfassende Entwicklung von Produkten in und für China ein relativ junges Phänomen ist. Lange beschränkten sich die Aktivitäten deutscher Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) in China darauf, andernorts Produkte mit geringem Aufwand und niedrigen Kosten zu lokalisieren. Der technologische Vorsprung vor der chinesischen Konkurrenz bescherte ausländischen Unternehmen auch ohne spezifisch für den chinesischen Markt entwickelte Produkte hohe Gewinnmargen. China war für deutsche Unternehmen in erster Linie Produktionsstandort und Absatzmarkt, keine Quelle für Innovation. Diesen Zustand als verlängerte Werkbank der Welt zu verändern, ist bekanntermaßen seit geraumer Zeit das erklärte Ziel der chinesischen Industrie- und Innovationspolitik. Im Jahr 2006 legte die chinesische Regierung dafür mit dem „Staatlichen mittel- und langfristigen Plan für die wissenschaftliche und technologische Entwicklung“ den Grundstein für die technologische Aufholjagd des Reichs der Mitte, die danach konsequent durch Industrieprogramme und staatliche Förderungen verfolgt wurde. Dazu zählt auch der 2015 vorgestellte Entwicklungsplan „Made in China 2025“, welcher international Aufmerksamkeit erregte. Denn in ungewohnt deutlicher Weise beschrieb Peking darin die schrittweise und konsequente Ersetzung ausländischer Technologien durch chinesische. Damit stieß China einen entscheidenden Entwicklungsschritt an – von einer exportorientierten verarbeitenden Industrie, die sich in erster Linie durch niedrige Löhne, Skalenerträge und optimierte Produktionsprozesse auszeichnete, zu einer innovativen Volkswirtschaft. Aushängeschilder der neuen chinesischen Innovationskraft sind international erfolgreiche Hochtechnologie-Unternehmen wie Huawei, Geely und Lenovo, eine dynamische Start-up-Szene sowie Forschungsinstitute und Universitäten, die anwendungsbezogene Forschung auf höchstem Niveau zu leisten vermögen.

Chinesische Unternehmen operieren zunehmend auf Augenhöhe
Mit Hinblick auf die Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten in China bringt diese Entwicklung für deutsche Unternehmen zwei zentrale Aspekte mit sich: Zum einen ist der einst vorhandene technologische Vorsprung deutscher Unternehmen auf dem chinesischen Absatzmarkt nicht länger garantiert, da zunehmend chinesische Unternehmen auf Augenhöhe operieren, welche sich nicht nur durch eine sehr gute Kenntnis ihres Heimatmarktes auszeichnen, sondern auch von staatlichen Förderungen profitieren. Um dieser Konkurrenz standzuhalten und den Bedürfnissen der inzwischen anspruchsvollen chinesischen Verbraucher gerecht zu werden, ist eine Produktentwicklung nah am chinesischen Markt für ausländische Unternehmen ein essentieller Bestandteil einer langfristig orientierten China- Strategie und Notwendigkeit bei der Verteidigung von Marktanteilen gegenüber lokalen Wettbewerbern.

Andererseits stellt die Neuausrichtung der chinesischen Industrie jedoch auch eine Chance für deutsche Unternehmen dar. Denn das chinesische Innovationssystem besitzt gewaltige Kapazitäten: 2017 erreichten die Gesamtausgaben des chinesischen Staats und der Unternehmen in Forschung und Entwicklung 279 Milliarden US -Dollar, eine Steigerung von über 70 Prozent im Vergleich zu 2012. Über 4,7 Millionen Absolventen in MINT-Fächern verließen 2016 die chinesischen Hochschulen, mehr als achtmal so viele wie im selben Zeitraum in den USA. Über eine Anbindung an dieses System, durch Kooperationen mit lokalen Universitäten, Instituten und Unternehmen, der Zusammenarbeit mit verbrauchernahen Start-ups sowie der Anstellung lokalen Forschungspersonals, welches Know-how und ein Verständnis der chinesischen Marktes mitbringt, können auch deutsche Unternehmen profitieren. Insbesondere in den zukunftsträchtigen Forschungsbereichen der E-Mobility, Robotik, Künstlichen Intelligenz und Big Data hat sich China, teils durch die gezielte staatliche Förderung dieser Bereiche, bereits als Vorreiter positioniert. Hier scheinen gegenwärtig auch durch eine unternehmens- und innovationsfreundliche Gesetzgebung sowie eine technikaffne Bevölkerung eher radikale technologische Weiterentwicklungen umsetzbar zu sein, als in Europa. Die experimentelle Forschung und Entwicklung vor Ort verspricht also nicht nur einen besseren Zugang zum chinesischen Markt, sondern auch die Möglichkeit, von dessen Innovationssystem zu profitieren.

Attraktiver Innovationsstandort
Trotz der grundsätzlich günstigen Aussichten für die Entwicklung von Hochtechnologien in China, stehen deutsche Unternehmen beim Ausbau ihrer F&E-Operationen jedoch auch vor zentralen Schwierigkeiten. Denn mit einer stärkeren Anbindung an das lokale Innovationssystem zur Nutzung der Potenziale, geht auch eine Intensivierung der Risiken einher: Ungewollter Technologieabfluss durch die Kooperation mit Forschungspartnern und die mangelhafte Durchsetzung des Schutzes geistigen Eigentums sind weiterhin abschreckende Argumente gegen die Entwicklung wertvoller Technologien in China. Die steigendende Innovationskraft chinesischer Unternehmen bringt zudem auch neue Herausforderungen: 2008 strebten noch 70 Prozent der chinesischen Absolventen die Beschäftigung in einem ausländischen Unternehmen an. Im Jahr 2017 reduzierte sich dieser Anteil auf 18 Prozent. Die Herausforderung, in China geeignetes Personal zu finden und zu halten, hat sich somit weiter verschärft.

In der Breite scheinen deutsche Unternehmen in China diese Schwierigkeiten gegenwärtig zumindest in Kauf zu nehmen. Den Zahlen der Geschäftsklima-Umfragen der AHK Grea ter China zufolge wächst die Bereitschaft deutscher Unternehmen dazu, in China in F&E zu investieren, seit Jahren konstant. Insbesondere der Anteil der Unternehmen, die in China neue Produkte für den internationalen Markt entwickeln, wuchs laut der Greater Shanghai Innovation Survey zwischen 2017 und 2018 von 23 auf 34 Prozent an. Auch wenn ein Großteil der in China durchgeführten F&E nach wie vor Produktanpassungen für den chinesischen Markt sind, wird deutlich, dass China punktuell als grundsätzlicher Innovationsstandort an Attraktivität gewinnt. Mittelfristig wird für deutsche Hochtechnologie-Unternehmen vor allem die Frage entscheidend sein, wie effzient die fraglos großen Potenziale des chinesischen Innovationssystems genutzt werden können und die Risiken zu umschiffen sind – und inwiefern eine deutsch-chinesische Technologiepartnerschaft auf Augenhöhe realisiert werden kann.


Sascha Michael Nies

Sascha Michael Nies ist Absolvent des Masterstudiengangs Internationales Management Asien an der HTWG Konstanz. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit untersuchte er in Zusammenarbeit mit dem OAV F&E-Aktivitäten deutscher Unternehmen in China.