Interview mit Joe Kaeser: „Wir müssen realistisch bleiben“

Die abrupte Rückkehr von Geopolitik und Geoökonomie auf die Weltbühne stellt die deutsche Wirtschaft vor große Herausforderungen. In dem Maße, wie sich eigensüchtiges nationales Handeln und die langfristig angelegte Steuerung von Marktkräften ausbreiten, bedarf es zielgenauer, aber maßvoller Antworten aus Deutschland und Europa. Dies alles gilt auch und besonders für den Raum Asien-Pazifik. Wir haben den Siemens-Chef und neuen APA-Vorsitzenden Joe Kaeser nach seinen Einschätzungen und Ratschlägen gefragt.


Herr Kaeser, Sie haben Ende Februar den Vorsitz des bedeutenden Asien-Pazifik-Ausschusses (APA) übernommen. Trotz vieler Chancen, die sich in der Region weiterhin bieten, haben auch die Herausforderungenstark zugenommen. Welche Themen werden Sie als APA-Vorsitzendenprimär beschäftigen?

Vieles spricht dafür, dass wir am Anfang eines asiatischen Jahrhunderts stehen. Die Kräfteverhältnisse auf der Welt sind in Bewegung geraten. Noch sind die USA die größte Volkswirtschaft. Aber während sie früher stärkster Verfechter freien Handels waren, gilt im Zentrum der Macht heute „America first" mit Sympathien für „America only“. Europa ringt mit inneren Herausforderungen und hat im Grunde noch keine einheitliche Außenwirtschaftspolitik. Und wir müssen realistisch bleiben: Die unterschiedlichen Horizonte großer und kleiner Mitgliedsstaaten und die chaotischen Zustände rund um den Brexit lassen ohne grundlegende Reformen keine Besserung erwarten. Asien hingegen strotzt vor wirtschaftlicher Dynamik, allen voran das aufstrebende China mit Programmen wie „Made in China 2025“ oder der „Belt and Road Initiative“. Aber auch Indiens „Make in India“ oder Vietnams „Green Growth Strategy“ zeugen von selbstbewusster Weitsicht.

Was bedeutet das in der Praxis für die Arbeit des APA?

Eine der Kernfragen in dieser neuen Weltordnung lautet für uns: Wie gehen wir damit um? Als deutsche Politik, als deutsche Wirtschaft, und auch als APA mit seinen Trägerverbänden. Der APA sollte hier als Synthese der Interessen zwischen Geopolitik und Geoökonomie, zwischen Politik und Wirtschaft in Deutschland, Europa und Asien eine viel zentralere Rolle spielen. Wie genau das aussehen kann, werden wir gemeinsam im APA in den kommenden Wochen erarbeiten.

Der wichtigste Partner ist und bleibt zweifelsfrei die VR China. Allerdings ist ein reziproker Marktzugang weiter nicht in Sicht, und es nehmen die Sorgen bezüglich einer schwächelnden Konjunktur zu. Sie fordern eine langfristig orientierte China-Strategie – welche Leitplanken müsste eine solche Strategie haben?

China hat sich in den letzten 40 Jahren geöffnet – für viele von uns mag es noch zu wenig sein, aber der Prozess ist in Gang gekommen und gerade Deutschland hat davon sehr profitiert. Und es muss weitergehen. Für mich stehen drei Dinge im Vordergrund: Reziprozität, Anpassungsfähigkeit und gemeinsames Handeln, idealerweise eine gemeinsame europäische Außen- und Wirtschaftspolitik. Der Begriff Reziprozität muss in diesem Zusammenhang zunächst präzisiert werden: Es geht nicht um ein reaktivistisches „Wie du mir, so ich dir“, sondern um ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen. Im internationalen Sprachgebrauch würde man es „Win-Win“ nennen.

Was können wir denn in solche Partnerschaften zum beiderseitigen Nutzen einbringen?

Deutschland und deutsche Unternehmen können asiatischen Ländern und Unternehmen führende Technologien, Investitionen, Arbeitsplätze durch Lokalisierung und ein Weltklasse-Ausbildungssystem bieten. Deutschlands duales Ausbildungssystem ist überall in der Welt hoch angesehen. Der Zugang zu Märkten, der Schutz von Investitionen und geistigem Eigentum, also fairer Wettbewerb, muss eine gemeinsame Basis werden. Das Freihandelsabkommen zwischen Japan und der EU weist den Weg in die Zukunft. Wir brauchen ein Freihandelsabkommen mit China. Es ist höchste Zeit für einen o’enen und konstruktiven Dialog.

„Wir brauchen ein Freihandelsabkommen mit China.“

Sie haben den Aspekt der Anpassungsfähigkeit erwähnt. Was wird uns dabei genau abverlangt, und von welchen Veränderungen gehen die größten Folgen aus?

Die Welt wird komplexer, das Tempo und das Ausmaß der Veränderung steigt. Geopolitik bestimmt zunehmend die Geoökonomie, und die Digitalisierung überfordert viele. Asiatische Nationen stehen vor großen Herausforderungen – ob Klimawandel oder Urbanisierung. Und genau hier können deutsche Unternehmen mit ihrer langjährigen Erfahrung und Innovationskraft helfen und sich damit Vorteile in einem dynamisch wachsenden Wirtschaftsraum erschließen. In diesem Zusammenhang gilt: Gemeinsamkeit ist eine Stärke. In den vergangenen Jahrzehnten waren deutsche Unternehmen in Asien sehr erfolgreich. Auch dank der Arbeit des APA sind sie in der Region gut vernetzt, kennen die lokalen Märkte und Anforderungen. „Made in Germany“ genießt einen exzellenten Ruf. Aber das ist keine Garantie für zukünftigen Erfolg. Kanzlerin Merkel formulierte es auf der Münchner Sicherheitskonferenz sehr tre.end: Wir können „noch so fleißig, noch so toll, noch so super sein“ – wenn mächtige Handelspartner den fairen Wettbewerb nicht unterstützen, nützt das wenig. Bis eine abgestimmte EU-Außenwirtschaftspolitik erreicht ist, müssen zumindest Deutschland und seine Unternehmen mit einer gemeinsamen Position ihre Interessen wahrnehmbar vertreten.

Die Siemens AG ist in vielen Ländern der Asien-Pazifik-Region seit langer Zeit und meist prominent vertreten. In welchen einzelnen Sparten und Märkten sehen Sie künftig für Ihr Unternehmen die größten Geschäftsgelegenheiten?

Die Folge des rasanten Wirtschaftswachstums ist gestiegener Wohlstand für hunderte Millionen Menschen. In der Regel bedeutet das mehr Konsum und darin sehe ich gewaltige Herausforderungen. Viele Länder der Region werden in den kommenden Jahren beispielsweise massive Probleme mit der Energieversorgung bekommen. Konkret geht es um verlässliche, bezahlbare und nachhaltigere Lösungen für die Energieerzeugung, -übertragung und auch -nutzung. Dasselbe gilt für den Mobilitätssektor, der in der Lage sein muss, immer mehr Menschen und Waren sicher, zuverlässig und e±zient von A nach B zu transportieren. Die Überalterung vieler Gesellschaften, z.B. in Japan oder irgendwann auch einmal in China, stellt die Gesundheitsversorgungssysteme vor große Herausforderungen.

Stichwort Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0: Welche Perspektiven sehen Sie für Siemens in Asien bei der Mitgestaltung dieses Zukunftsfeldes par excellence?

In der Tat steckt Riesenpotenzial in China und in ganz Asien bei der Gestaltung der Vierten Industriellen Revolution. Asien ist bereits das Kraftzentrum für die Industrieproduktion, und es kommt immer mehr an Engineering dazu. Siemens als hochinnovativer Weltmarktführer in Automatisierung und industrieller Digitalisierung kann und muss hier eine Schlüsselrolle übernehmen. Für deutsche Unternehmen ist das „asiatische Jahrhundert“ Chance und Herausforderung zugleich. Wir können auf eine starke Innovationskraft und hohes Ansehen bauen. Aber wir müssen fähig sein, Partnerschaften auf Augenhöhe einzugehen, und anerkennen, dass Globalisierung keine Einbahnstraße ist.


Joe Kaeser

Joe Kaeser ist CEO der Siemens AG und Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA)