„Der Club der Mächtigen“

Die Staats- und Regierungschefs der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer trafen sich zum G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli 2017 in Hamburg. Neben diesen nahmen Politiker weiterer Staaten sowie Vertreter internationaler wirtschafts- und handelspolitischer Organisationen an den Treffen teil. Was wird sich nun künftig ändern? Ein Kurzinterview mit Prof. Dr. Heribert Dieter.

Die inhaltlichen Reaktionen auf den G-20-Gipfel waren verhalten bis kritisch. Lassen sich aus dem Verlauf Rückschlüsse auf die mittelfristige Ausgestaltung der globalen Handels- und Finanzbeziehungen ziehen?


Prof. Dr. Heribert Dieter: Schon im Vorfeld des Gipfels hat sich ein grundlegender Dissens zwischen den Mitgliedsländern gezeigt. Die USA setzen heute auf die Abkehr von einer liberalen Handelspolitik. Indes hat schon die Vorgängerregierung von Präsident Obama auf fairen Handel gesetzt und sich damit einen Schwenk vollzogen. Mittelfristig ist mit einer Veränderung der internationalen Handelspolitik zu rechnen, aber die Vorzeichen sind hier keineswegs nur negativ. Die Abwendung der USA von der Weltwirtschaft hat neue Koalitionen ermöglicht. Die Schwellenländer, allen voran China und Indien, sehen sich heute sehr viel stärker als noch vor zwölf Monaten gefordert, eine liberale Handelspolitik zu unterstützen und nicht nur deren Nutznießer zu sein. In Peking und Neu-Delhi hat man verstanden, dass die heutige Form der Globalisierung keineswegs irreversibel ist. Insofern hat der G-20-Gipfel bereits gezeigt, dass es auch ohne die USA eine Weiterentwicklung der multilateralen Handelsarchitektur geben kann.

Der Charme des G-20-Formates besteht vor allem auch in der Einbeziehung der asiatischen Schwellenländer in Weltordnungsaufgaben. Hat dieser Ansatz funktioniert oder müssten Änderungen vorgenommen werden, um deren steigender Bedeutung Rechnung zu tragen?

Prof. Dr. Heribert Dieter: Die Aufnahme der asiatischen Schwellenländer war und ist angemessen. Es ist wichtig, mit diesen Akteuren und nicht über sie zu sprechen. Nur durch eine Einbeziehung der asiatischen Schwellenländer sind sinnvolle Vereinbarungen etwa bei der Weiterentwicklung der Finanzpolitik möglich. Zugleich wurden aber diejenigen enttäuscht, die glaubten, die Mitgliedschaft im „Club der Mächtigen“ würde diesen Staaten genügen. Die Entwicklung von konkurrierenden Formaten, etwa der Gipfeltreffen der BRICS-Staaten, zeigt, dass die Suchprozesse anhalten. Deshalb wäre ein Verzicht auf das klassische Format G7 vorschnell.

Welche Rolle können China und perspektivisch auch Indien realistischerweise bei der Gewährleistung von Stabilität in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen spielen?

Prof. Dr. Heribert Dieter:
Beide Staaten können eher Dynamik als Stabilität liefern. Insbesondere Indien hat vermutlich das Potential, zum neuen Wachstumsmotor der Weltwirtschaft aufzusteigen. Zur Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte können sowohl China als auch Indien recht wenig beitragen, da die wichtigsten Finanzzentren – und damit mögliche Quellen von Instabilität – nach wie vor in den OECD-Ländern liegen. Die beiden asiatischen Großmächte haben aber enormes Potential bei der Weiterentwicklung der multilateralen Handelsordnung. Nach der Selbstisolation der USA könnte eine Weiterentwicklung der WTO - nach jahrelangem Stillstand – gelingen, wenn der bisherige Trend zu bilateralen Handelsabkommen überwunden und neue Formate ohne die USA entwickelt werden.


Prof. Dr. Heribert Dieter

Prof. Dr. Heribert Dieter ist Wissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit.