„Kalkutta liegt am Ganges“ – genau das ist das Problem

Die Harbauer GmbH ist auf ihrer Suche nach Absatzmärkten im asiatischen Raum inmitten einer der „größten Massenvergiftungen der Geschichte“ (WHO) gelandet. Das Thema: kontaminiertes Grundwasser. Die Aufgabe: 65 Millionen Verbrauchern arsenfreies Trinkwasser zur Verfügung zu stellen.

Wenn man sich als mittelständisches Unternehmen auf den Weg nach Indien macht, um dort das in Deutschland gesammelte Wissen kommerziell zu vermarkten, erwartet einen ein steiniger Weg. Die Harbauer GmbH ist ein in Berlin ansässiges Unternehmen, das sich seit 1986 im Bereich der Altlastensanierung mit der Be-
handlung von kontaminiertem Grundwasser und Böden beschäftigt. Die derzeit 45 Mitarbeiter setzen sich zu einem Drittel aus Ingenieuren und zum Weiteren aus Montage- und Betriebspersonal zusammen.

Es werden bundesweit an verschiedenen Standorten ungefähr 40 Anlagen als Betreibermodell zur Entfernung von Schadstoffen aus dem Grundwasser von ihnen betrieben – teilweise zur Trinkwasseraufbereitung. In Deutschland ist die Altlastensanierung jedoch per se ein endliches Geschäftsmodell, da dank verschärfter Umweltauflagen unter anderem für Anlagen- und Tankstellenbetreiber nahezu keine neuen Sanierungsfälle in der jüngeren Vergangenheit hinzugekommen sind.

Entsprechend hat die Harbauer GmbH Mitte der 90er-Jahre den Blick geweitet und ihn auf den asiatischen Raum gerichtet, um mit ihrem Wissen zur Wasseraufbe-
reitung einen neuen Absatzmarkt zu finden. Von einem späteren Joint Venture- Partner aus Kalkutta (Kolkata) erfuhr die Harbauer GmbH 1997 von dem Problem einer auf natürliche Weise verursachten Grundwasserkontamination größten Ausmaßes.

Das Grundwasser des gesamten Ganges-Deltas ist geogen bedingt mit Arsen belastet. Dies ist eine Trinkwasserressource, die seit den 70er-Jahren auch als solche genutzt wird. Bis dahin war Flusswasser die traditionelle Trinkwasserquelle. Entsprechend häufige Durchfallerkrankungen waren die Folge. Hier hat man jedoch das eine Problem durch das andere ersetzt. Über 65 Millionen Verbraucher sind direkt betroffen.

Dramatische Folgen durch Arsen

Die Konsequenzen aus der Nutzung arsenhaltigen Wassers sind dramatisch und enden in verschiedenen Krebsformen (Reichensteiner Krankheit). Nun war die Entfern-
ung von Arsen aus dem Wasser zu diesem Zeitpunkt ein nicht ganz triviales Unterfangen. Eine aufwendige Anlagentechnik war Voraussetzung für eine erfolgreiche Be-
handlung. Es ist jedoch nicht realisierbar vor dem Hintergrund einer auf einfachster Stufe ländlich geprägten Infrastruktur.

Genau hier konnte die Harbauer GmbH ansetzen, da sie durch gute Kontakte mit der TU Berlin und einer Ausgründung, der GEH-Wasserchemie, über ein Adsorptions-
material verfügte, das auf einfachste Weise das Arsenproblem auch kostengünstig  lösen konnte. Dies stellte zu diesem Zeitpunkt ein weltweites Alleinstellungsmerkmal dar.

Innovative Technik zur Grundwasserreinigung

Damit war das Paket geschnürt, das Risiko eines Auslandengagements einzugehen Die Zutaten kontaminiertes Wasser, Aufbereitungstechnik mit Alleinstellungsmerk-
mal, Joint Venture-Partner und ein ausreichend großes Marktpotential waren beisammen. In den ersten fünf Jahren des Engagements beschränkte sich die Harbauer GmbH zunächst auf die technische Planung der Anlagen und die Lieferung des Arsen - Adsorptionsmaterials.

2003 änderte sich die Gesellschafterstruktur der Harbauer GmbH. Es gab einen Wechsel von der insolventen Holzmann-Gruppe hin zur innovativen KF-Beteiligungs-
gesellschaft. Dies ermöglichte der Harbauer GmbH ein PPP-Projekt gemeinsam mit der GTZ in Eschborn (heute: GIZ) zu initiieren, mit dem Ziel Anlagentechnik zur Entfernung von Arsen aus dem Trinkwasser in Dorfgemeinschaften im indischen Westbengalen zu installieren.

Dieses Projekt und die zeitgleiche Gründung des Joint Ventures Harbauer-India [P] Ltd. in Kolkata waren die Voraussetzung dafür, von den auftraggebenden Behörden tatsächlich als Partner anerkannt und gehört zu werden. Dennoch sollten noch Jahre bis zum entscheidenden Durchbruch ins Land gehen. Einnahmen und Kosten in diesen Jahren hielten sich jeweils die Waage.

2010 ergab sich dann auch eine Änderung in der Gesellschafterstruktur der Harbauer India. Aus einem 51-prozentigem Anteil der Harbauer GmbH an der Harbauer India wurde eine 100-prozentige Tochtergesellschaft. Bereits seit 2005 wurde am Hauptsitz der Harbauer GmbH ein Mitarbeiter ausgebildet, der sich im Weiteren als wegweisend für das indische Unternehmen herausstellen sollte.

Ursprünglich studienbegleitend eingestellt, wurde der aus Bangladesch stammende Student zu einem mit allem notwendigen Wissen ausgestattetem Kollegen ausge-
bildet, der zum richtigen Zeitpunkt die Geschäftsführung in Kolkata übernehmen konnte. Mit Unterstützung der AHK in Kolkata wurde ein wichtiger Kontakt zu einem weiteren deutschen Unternehmen hergestellt.

Über die Kontakte der Harbauer India zu den indischen Behörden und der Zulieferung von Messtechnik dieses deutschen Partners wurde ein weiterer Schritt begang-
en, der das Portfolio um die Bereitstellung sogenannter „Mobillabore“ erweitern sollte. Das Motto der Harbauer India lautete von nun an „Rund ums Wasser“.

Präsenz als Erfolgsfaktor

Auch im Bereich der Arsenwasseraufbereitung ist seit drei Jahren wieder Bewe -
gung eingetreten. Es wurden und werden Anlagen zur Bereitstellung von Trink -
wasser unter anderem in Schulen aufgestellt. Über all die Jahre hat die Harbauer India über 1.600 Anlagen aufgestellt, die sie zum größten Teil auch wartet. Es werden damit mehr als 1,6 Millionen Nutzer mit sauberem Trinkwasser versorgt.

Über den indischen Markt hinaus soll als nächster Schritt das Nachbarland Bangladesch erschlossen werden. Das geplante Vorgehen in Bangladesch ähn -
elt dem indischen Muster. Auch hier wird es ein GIZ-Projekt als Türöffner geben. Die personelle Präsenz ist auf Grund der Nähe zu Kolkata und der dortigen Toch -
tergesellschaft bereits gegeben.

Der OAV hat seinerseits eine sehr positive unterstützende Rolle bei der Kontakt -
aufnahme in Bangladesch übernommen. Im Rückblick muss festgehalten wer -
den, dass ein mittelständisches Unternehmen langfristig denken muss, wenn es ein derartiges Land als Absatzmarkt erschließen möchte, da Erlöse erst nach ein -
iger Zeit eintreten. Die führenden Köpfe im Unternehmen vor Ort müssen absolut sicher im Umgang mit den gegebenen Bedingungen sein.

Die zeitweise Präsenz von Mitarbeitern der deutschen Muttergesellschaft im Land ist ebenso unabdingbar wie die personelle Konstanz der Akteure, um einen Wieder-
erkennungswert bei den Kunden zu gewährleisten. Das sehr aktive deutsche Konsulat in Kolkata darf als Unterstützer nicht unerwähnt bleiben.

Die Entwicklung der Harbauer India ist inzwischen stabil und zeigt, dass die Entscheidung sich für Indien als Absatzmarkt zu entscheiden, richtig war. Nunmehr wird die Harbauer GmbH zunehmend auch von neuen Infrastrukturprojekten der indischen Zentralregierung profitieren. Die Grundlagen sind geschaffen.

Heute ist die Harbauer India ein besonderes Juwel in der KF-Gruppe.

Dipl.-Ing. Axel Bernstorff

Dipl.-Ing. Axel Bernstorff ist Prokurist der Harbauer GmbH und seit 2003 Chairman der Harbauer India [P] Ltd. Er leitet seit 1992 Projekte in der Wasseraufbereitung.