Too big to neglect – Indonesien als strategischer Partner

Schon seit langem wird Indonesien ein großer Wachstumsdurchbruch vorausgesagt. Die realen Zahlen fielen dann meist bescheidener aus. Eine Ursache für die begrenzte Dynamik ist die enorme Heterogenität des Vielvölker-Inselstaates. Ein imposanter Take-off steht auch künftig nicht bevor – dennoch zeigen die Indikatoren klar nach oben und führt für die deutsche Politik und Wirtschaft kein Weg an einer tieferen Beschäftigung vorbei.


Im begonnenen asiatischen Jahrhundert ist es für Deutschland essenziell, zu allen Großakteuren der Region Asien-Pazifik enge Beziehungen aufzubauen. Hier gehört die Republik Indonesien zweifellos dazu. Auch wenn das Land in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend noch immer eine Unbekannte ist, sind die indonesischen Aktivposten eindrucksvoll: Mit 262 Millionen Einwohnern ist Indonesien hinter China, Indien und den USA das Land mit der viertgrößten Bevölkerung weltweit. Aus wirtschaftlicher Sicht verfügt es damit per se über einen interessanten Markt in quasi allen relevanten Segmenten. Zudem hat die weitere ökonomische Entwicklung Indonesiens direkte Folgen für die gesamte Region Südostasien. Da rund 90 Prozent der Indonesier Muslime sind, ist Indonesien die größte muslimische Nation der Welt. Auch für die Bundesrepublik ist es von hohem Interesse, dass die bisher praktizierte moderate Islam-Auslegung fortgeführt und der Nachweis erbracht wird, dass Demokratie und Islam miteinander vereinbar sind. Hier zeigten sich – trotz säkularer Verfassung – in jüngster Zeit bedenkliche Tendenzen, die Anlass zur Sorge geben und Indonesiens Status als diesbezügliches „Role Model“ unterminieren könnten.

Chancen als Fertigungshub

Große Achtung verdient die Tatsache, dass die Demokratie seit dem Umbruch 1998 – trotz vieler Defizite im Detail – in erstaunlich kurzer Zeit breite Verankerung gefunden hat. Eine erfolgreiche demokratische Entwicklung könnte sogar positiv auf die Nachbarstaaten abstrahlen. Damit eine weitere demokratische Konsolidierung gelingt, muss auch eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik erzeugt werden. Eine große Herausforderung besteht darin, dass jedes Jahr 2 Millionen junge und aufstiegswillige Indonesier in den Arbeitsmarkt integriert werden müssen. Hierin liegt sowohl eine Chance als auch ein erhebliches Risiko für eine Destabilisierung, falls die Regierung diesen Kraftakt nicht schafft. Indonesien besitzt einen großen Binnenmarkt und reichhaltige Rohstoffvorkommen. Davon ließ sich lange gut leben – entsprechend ist die außenwirtschaftliche Verflechtung deutlich geringer als etwa bei den regionalen Nachbarn Malaysia und Vietnam, die konsequent auf die Einbindung in den Weltmarkt gesetzt haben.

Die Herausforderungen der Zukunft wird Indonesien aber nur meistern, wenn es sich weiter öffnet, den kommerziellen Austausch fördert und eine Diversifizierung seiner Wirtschaft initiiert. An dieser Stelle existieren viele Anknüpfungspunkte für deutsche Unternehmen. Bei den deutsch-indonesischen Wirtschaftsbeziehungen lässt sich von einer generellen Komplementarität der Güter und Waren sprechen. Im Speziellen muss Indonesiens verarbeitender Sektor ausgebaut werden, um die Abhängigkeit vom volatilen Ressourcensektor zu reduzieren und genügend neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das Land hat durchaus die Chance, sich als attraktiver Produktionshub und Fertigungsalternative zur VR China zu etablieren. Trotz einiger Erleichterungen in der Amtszeit von Präsident Joko Widodo seit Oktober 2014 bleiben die größten Hürden eine zähe Bürokratie, Korruption, hohe Logistikkosten und eine teils inkonsistente Gesetzgebung. Indonesien wird auch künftig absehbar ein nur graduelles Reformtempo verfolgen – es scheint aber, dass die Offiziellen die Mängel erkannt haben und sukzessive an deren Behebung arbeiten.

Wichtiger geostrategischer Akteur

Die schiere Größe des Landes führt zu einer besonderen internationalen Relevanz – dies gilt sowohl regional als auch global. In der Vereinigung Südostasiatischer Länder (ASEAN) ist Indonesien das mit Abstand größte Mitglied, das bei Landmasse, Bevölkerung und Wirtschaftskraft für einen regionalen Anteil von je circa 40 Prozent steht. Weitere Fortschritte im ASEAN-Integrationsprozess sind mithin entscheidend vom aktiven Engagement Indonesiens abhängig. Hier verhält sich Indonesien – dem Naturell seiner Einwohner entsprechend – bislang eher introver tiert und zögert, die ihm zukommende Führungsrolle anzunehmen. Aus Sicht der EU wie auch Deutschlands wäre eine Stärkung der ASEAN sehr wünschenswert, da sie eine der wenigen konfliktmindernden multilateralen Institutionen in Asien-Pazifik ist und mit ihren „ASEAN-Plus“-Formaten als gesamtasiatisches Kooperationsscharnier fungiert.

2017 hat Indonesien bei der Wirtschaftsleistung erstmals die Marke von 1 Billion US-Dollar überschritten. Schon zuvor war Indonesien Teilnehmer des G-20-Forums, der Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrieund Schwellenländer. Alle Prognosen gehen davon aus, dass Indonesien im Ranking der größten Wirtschaftsnationen weiter aufsteigen wird. Folglich wird das Gewicht des Landes auch im Kontext der globalen Zusammenarbeit zunehmen. In geostrategischer Hinsicht stellt die indonesische Inselwelt die neuralgische Verbindung zwischen Indischem und Pazifischem Ozean dar. Durch die Straße von Malakka verläuft eine der wichtigsten Seehandelsrouten der Welt, die eine Hauptschlagader der Globalisierung darstellt. Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist der freie Zugang zu diesen Seewegen von kardinaler Wichtigkeit.

In der von den USA, Indien, Japan und Australien propagierten Strategie eines „free and open Indo-Pacific“ (FOIP) nimmt Indonesien schon qua geografischer Lage eine wichtige Stellung ein. Auch die Bundesregierung kann dem Konzept etwas abgewinnen, weil es sich um eine Allianz von Demokratien handelt, die dem sich ausbreitenden Autoritarismus etwas entgegenstellen wollen. Hier ist Indonesien aufgrund seiner demokratischen Binnenverfassung für Deutschland und die EU im Grunde ein natürlicher Partner, mit dem Verfahren für eine friedliche und regelbasierte internationale Ordnung erarbeitet werden können.

Ansätze für eine engere Kooperation

Mit den genannten Bedeutungsfacetten einher geht die Frage, wie es gelingen kann, die Beziehungen zu Indonesien weiter zu vertiefen. Akteure wie China, Japan oder Indien versuchen längst, ihre Präsenz im Land zu erhöhen. Für Deutschland lässt sich sagen, dass die bisherige politische und wirtschaftliche Beschäftigung der steigenden Relevanz noch nicht gerecht wird. Zumindest ist Indonesien jüngst stärker in den Blickpunkt gerückt, wobei aus Sicht der deutschen Wirtschaft das Bestreben gestiegen ist, eine stärkere Diversifizierung ihrer Aktivitäten in Asien zu erreichen. Dabei gerät Indonesien infolge seiner Größe zwangsläufig in den Fokus. Auch wenn eine Reihe deutscher Konzerne teils seit Jahrzehnten vor Ort aktiv ist, können die Wirtschaftsbeziehungen als stark ausbaufähig gelten.

Der bilaterale Handel betrug in 2017 mit 6,6 Mrd. Euro weniger als die Hälfte des Vergleichswertes zu Malaysia, das eine fast neun Mal geringere Bevölkerungsgröße aufweist. Zuletzt ist es zu einigen Neuansiedlungen und Geschäftserweiterungen deutscher Unternehmen gekommen, was dafür sprechen könnte, dass das Land aktuell einen positiven Imagewandel erfährt. Zu einer günstigeren Wahrnehmung könnten die beträchtlichen Potenziale im Feld der Digitalwirtschaft beitragen. Jedoch bleibt das Geschäftsumfeld diffizil und tun sich deutsche Firmenvertreter mit der spezifischen indonesischen Business- Kultur schwerer als bei denen anderer asiatischer Staaten. Auch um hier bessere Einblicke zu gewinnen und Schwierigkeiten zu adressieren, wird der Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA) seine hochkarätige Asien-Pazifik-Konferenz (APK) mit rund 1000 Teilnehmern vom 1. bis 3. November 2018 in Jakarta durchführen.

Auf Regierungsebene wurde 2012 mit der „Jakarta Declaration“ eine strategische Partnerschaft zwischen Indonesien und Deutschland vereinbart, bei der die Sparten Klima und Energie im Vordergrund stehen. Aufgegriffen wurden hierbei Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), für die Indonesien traditionell ein Hauptzielland ist. Auch der Privatsektorentwicklung kommt eine prominente Rolle zu. Neuere Angebote beziehen sich auf die Handelsförderung für bestimmte Güter und Erleichterungen bei der Import- und Exportfinanzierung. Zu diesem Portfolio ist jüngst eine angestrebte Kooperation im maritimen Bereich hinzugekommen.

Aus EU-Sicht stellt die Verhandlung des Comprehensive Economic Partnership Agreement (CEPA) eine Kerninitiative dar. Mit CEPA sollen die Handels- und Investitionsbeziehungen auf eine neue Basis gestellt werden. Im Juli 2018 fand hierzu die bislang fünfte Gesprächsrunde statt. All diese Aktivitäten können für das Oberziel, der Etablierung robuster Beziehungen, wichtige Impulse liefern – ihnen sollten weitere folgen.


Daniel Müller

Daniel Müller ist Regionalmanger ASEAN beim OAV.
mueller@oav.de