Modi auf Reformkurs

Mit der Steuerreform (GST) sowie einem neuen Insolvenzrecht brachte Premierminister Modi zwei wichtige Neuerungen auf den Weg, die Indiens Geschäftswelt grundlegend verändert haben. Experten aus dem OAV-Netzwerk berichten über den aktuellen Stand.


Insolvency and Bankruptcy Code, 2016: Key principles of the Indian insolvency regime

The Insolvency and Bankruptcy Code, 2016 (Code) is the most significant legal development in India in recent times. Prior to its enactment over 2 years ago, India had no consolidated law dealing with insolvency and bankruptcy. The Code introduced a sophisticated and creditor friendly framework for insolvency resolution of corporate persons, leading to a substantial rise in distressed M&A. The following principles form the bedrock of the Code:

The Code is a law for rehabilitation and not recovery. It prioritizes resolution of the insolvent company and value maximization for its assets. The Code follows a 'creditor in control' model (similar to the UK) and the board of the company cedes control to an insolvency professional once insolvency proceedings commence. The insolvency professional has to protect and preserve the value of the property of the company and manage its operations as a going concern. The Code also imposes a moratorium on acceleration and enforcement of debts against the company during such an insolvency resolution period to avoid additional stress on the company or its assets.

The Code recognizes that a time bound process is paramount for preserving the economic value of the insolvent company. A model timeline has been provided to ensure expeditious insolvency resolution. The corporate insolvency resolution process is to be mandatorily completed within 180 days (subject to a one-time extension by bankruptcy courts, in deserving cases, up to a maximum of 90 days). If not completed within 270 days, the insolvent company will be liquidated. In some cases, bankruptcy courts have the discretion to exclude certain periods while computing such 270 days (for instance, if the insolvency resolution is stayed by courts or if there is undue intermediate litigation).

Doing away with excessive judicial intervention, bankruptcy courts have been granted precise, limited powers under the Code. For instance, bankruptcy courts can reject insolvency resolution commencement applications or resolution plans only in limited circumstances. Given that the Code is a nascent legislation whose jurisprudence is still evolving, courts have sometimes overlooked this message of restraint. The Supreme Court of India has recently directed bankruptcy courts to refrain from interfering at every stage of the insolvency resolution process.

Section 29A of the Code lists persons who are not eligible to submit insolvency resolution plans. This is to prevent unscrupulous and undesirable persons (who have willfully defaulted, are associated with non-performing loans, or are habitually non-compliant) from misusing or vitiating the provisions of the Code, since they may adversely impact credibility of the processes under the Code on account of their antecedents and risk the successful resolution of the insolvent company. India is one of the very few jurisdictions to have such a stringent law, effectively barring incumbent controlling shareholders from bidding for the insolvent company. This has resulted in a boom in distressed M&A in India. Since 2017, distressed M&A values in India have totaled USD 14.3 billion. The Code seeks to balance the interests of various stakeholders of the insolvent company. It requires that the insolvency resolution plan include a statement on how the interests of all stakeholders have been dealt with. The Code also prescribes the order within which creditors of the company are to be paid (for instance, operational creditors are to be paid before financial creditors). In the recent past, bankruptcy courts have ordered modification of resolution plans to ensure fair treatment of stakeholders.

The Code has been an immensely effective reform by the Indian government. In 2017, insolvency resolution of 12 large accounts was initiated on the direction of India’s central bank. As of September 30, 2018, 4 of these 12 accounts stood resolved (in total, 52 corporate insolvencies stood resolved). The Code has also been commended by the International Monetary Fund and World Bank, and is one of the primary causes for India’s recent rise from 100 to 77 in the global “Ease of Doing Business” ranking.

About the authors:

Ashwin Bishnoi

Partner, Khaitan & Co


Nikhil Narayanan

Partner, Khaitan & Co


Die indische „Goods and Services Tax“ – eine erste Bestandsaufnahme

Seit 1. Juli 2017 gilt in Indien mit der GST eine landesweit einheitliche Umsatzsteuer, auch verkündet als „Good and Simple Tax“. Ein Jahr später zeigen sich in der Tat überwiegend positive Resultate. Die Umsetzung ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Der größte Verdienst der GST ist die Vereinfachung. Jahrzehntelang mussten sich indische Unternehmen in einem Dschungel von Steuern und Abgaben zurechtfinden, die teils an unterschiedliche, teils aber auch an dieselben Tatbestände anknüpften. So unterlag die Herstellung und der Verkauf von Waren einer Excise Duty und gleichzeitig, je nach Sachverhalt, entweder einer Value Added Tax oder einer Central Sales Tax. Die Verbringung der Waren in bestimmte Städte löste noch einmal lokale Steuern aus – mit der Folge, dass sich dort kaum Fabriken oder Lager fanden. Für Dienstleistungen galt ein komplett anderes Regelungswerk.

Die GST erfasst dagegen sowohl die Lieferung von Waren als auch die Erbringung von Dienstleistungen. Andere Umsatzsteuern im engeren Sinn oder lokale Steuern gibt es nicht mehr. Besteuert wird der auf allen Handelsstufen geschaffene Mehrwert, wirtschaftlich trägt die Steuer der Verbraucher. Ihrem Grundprinzip nach ist die GST damit mit dem europäischen Umsatzsteuersystem vergleichbar.

Der ganz große Befreiungsschlag gelang Indien mit Einführung der GST jedoch nicht. Aufgrund der föderalen Struktur des Landes sollten unterschiedliche Steuertöpfe gebildet werden und um dies zu erreichen, entschied man sich für eine Dreiteilung der GST: in eine Steuer der Zentralregierung (Central GST/„CGST“), eine Steuer der Bundesstaaten (State GST/„SGST“) und eine übergreifende Steuer (Integrated GST/ „IGST“). Eine solche Dreiteilung macht eine Umsatzsteuer natürlich nicht einfacher. Schwierigkeiten ergeben sich methodisch beispielsweise beim Vorsteuerabzug und die Finanzverwaltung hat immer noch Schwierigkeiten, das System formularmäßig richtig abzubilden. Auf Kritik – unter anderem der Weltbank – stößt auch die große Zahl der Steuersätze. Zwar verhinderte sie einen Ausfall der Steuereinnahmen wie auch einen übermäßigen Anstieg der Inflation, dies jedoch zu Lasten der Rechtssicherheit. So diskutiert die indische Politik mittlerweile eine Reduzierung der aktuell fünf auf dann drei Steuersätze, verbunden mit einer Steuersenkung von in der Regel 18 % auf dann 16 %.

Für ausländische Unternehmen birgt das neue Grundprinzip eines einheitlichen Vorsteuerabzugs Chancen. Bislang konnten Händler gezahlte Einfuhrumsatzsteuern nicht als Vorsteuer zum Abzug bringen. Ausländische Produkte, die nicht direkt an indische Endabnehmer geliefert wurden, verteuerten sich dadurch in vielen Fällen im Vergleich zu indischen Produkten. Dieser Wettbewerbsnachteil besteht nun nicht mehr, sodass ausländische Unternehmen nun die Chance haben, steuerlich motivierte Vertriebsstrukturen umzustellen und beispielsweise einen Handelsvertreter durch einen Händler zu ersetzen. Wichtiger Nebeneffekt ist, dass damit die auf Vertreterprovisionen anfallende GST entfällt (für ausländische Unternehmen ein Kostenfaktor und gerade juristisch unter Beschuss). Auch das Risiko der Begründung einer einkommensteuerlichen Betriebsstätte sinkt.

Verschwunden sind die langen Staus von Lastwagen an den Binnengrenzen der Bundesstaaten. Die Ladung und die Korrektheit der Papiere (Electronic
E-Way Bill) werden jetzt stichprobenartig untersucht. Überhaupt ist die GST auf eine volldigitale Umgebung ausgerichtet. Meldungen von Steuern und Vorsteuern geschehen online und sind rechnungsbasiert. Gleichzeitig werden die in einer Rechnung ausgewiesenen Steuern nur dann zum Vorsteuerabzug zugelassen, wenn der Lieferant sie auch tatsächlich abgeführt hat. Im Ergebnis ein durchaus modernes System, das eine hohe Kontrolldichte erlaubt. Zudem reduziert sich die persönliche Interaktion mit der Verwaltung und damit das Risiko der Korruption. 

Die Dreiteilung der GST und das rechnungsbasierte System erschweren auf der anderen Seite die Handhabung. Ein Jahr nach Einführung der GST funktionieren die Systeme der Verwaltung noch immer nicht richtig. Die Probleme scheinen so grundlegend, dass man vor Kurzem einen Neustart der Verfahren (voraussichtlich zum 1.4.2019) beschloss und dies zum Anlass nahm, die Zahl der Formulare und Meldungen stark zu reduzieren. Ein begrüßenswerter Schritt auf einem Weg, der jedoch noch Zeit brauchen wird.

Zum Autor:

Tillmann Ruppert

Rechtsanwalt und Partner
Rödl & Partner